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Über Hunger und Lebensmittelverschwendung

18 Millionen Tonnen Lebensmittel schmeißen wir in Deutschland jährlich in den Müll. Das sind über 700.000 LKW-Ladungen und 20 Milliarden Euro. Oder um es in zugänglicheren Dimensionen auszudrücken: Jedes dritte Nahrungsmittel landet in der Tonne. Der WWF hat 2016 zur Veranschaulichung den symbolischen „Tag der Lebensmittelverschwendung“ eingeführt., eine Art Stichtag bis zu dem alle Lebensmittel für die Mülltonne produziert worden sind. Das erschreckende Ergebnis: Die ersten 122 Tage des Jahres sind betroffen. Das sind alle Kalendertage bis zum 2. Mai.

Paradoxe Welt: Hunger und Überfluss

Während unser Konsumverhalten zu diesen absurden Zahlen führt, herrscht in anderen Teilen der Welt Mangel. Laut Welthungerhilfe leiden aktuell 821 Millionen Menschen Hunger, das sind 11 % der Weltbevölkerung oder jeder 9. Mensch. Und das Paradoxon geht weiter: Es sind die Lebensmittelerzeuger*innen, die die größte Gruppe unter den hungerleidenden Menschen ausmachen. 50 % Kleinbauern und -bäuerinnen, 20 % Landlose und 10 % Nomaden, Fischer*innen und Indigene gegenüber nur 20 % verarmten Städter*innen.

Auf staatlicher Ebene betrachtet sind die Menschen aus der Zentralafrikanische Republik am schlimmsten betroffen, gefolgt von Tschad, Madagaskar, Jemen und Sambia. Aktuell wird immer wieder Uganda in den Medien genannt, wo eine Heuschreckenplage die Bevölkerung geradewegs in die Nahrungsknappheit führt. Gründe für Ernährungskrisen gibt es viele: Kriege und Konflikte, Naturkatastrophen, Armut, der Welthandel, schlechte Regierungsführung und nicht zuletzt – jetzt vollenden wir den Kreis und blicken zurück nach Europa – Ressourcenverschwendung und Klimawandel.

Wir und unsere Ressourcenverschwendung

Verschleiß in der Produktion

Schon heute produzieren wir genug Lebensmittel für 12 Milliarden Menschen und könnten somit theoretisch alle ernähren. Das Problem sind jedoch die riesigen Mengen an Nahrungsmitteln, die entlang der globalen Wertschöpfungskette verloren gehen. Dabei lassen sich klar zwei Trends unterscheiden: Im Globalen Süden geht der Großteil an Nahrungsmitteln während Produktion oder Lagerung verloren. Die Erzeuger*innen haben oft sehr einfache Geräte für Saat und Ernte, wodurch der Verschleiß relativ groß ist. Auch sind die Ernteerzeugnisse generell weniger und häufiger mit Schädlingen befallen wegen der traditionellen Düngemethoden. Die Lagerung erfolgt zumeist in einfachen Holzhütten, die weder Feuchtigkeit noch Kälte oder Schädlinge abwehren. So verrotten oder gefrieren Ernteprodukte bei schlechten Wetterbedingungen. Sogar während des Transports ist der Verlust groß: Holprige Straßen und schlechtes Verstauen zerquetschen Lebensmittel wie Tomaten oder sie fallen vom Wagen herunter.

Verschleiß im Verkauf

Im Globalen Norden sieht die Lage ganz anders aus: Unsere Agroindustrie sorgt mit chemischen Düngemitteln und Gentechnik für enorme Summen bei der Ernteproduktion, die Lagerung erfolgt in gekühlten Hallen und geschlossenen Räumen, die perfekt an die Bedürfnisse der Erzeugnisse angepasst werden können und auch im Transport gehen nur in Ausnahmefällen Produkte verloren. Unser Problem beginnt erst bei den Supermärkten und hört in der Küche auf.

Kosmetik lautet das Stichwort. Kleine Kartoffeln, krumme Möhren und unförmige Gurken – all das finden wir nicht in den Regalen von Rewe, Aldi & Co. Nicht weil sie ungenießbar sind, sondern aufgrund von mangelnder Schönheit. Nicht einmal Obst und Gemüse sind vom heutigen Schönheitswahn ausgenommen. Aussortiert und rausgeschmissen landen die vollkommen essbaren Lebensmittel auf der Müllhalde. Und das große Wegwerfen geht weiter: Wer schon einmal „containern“ war, weiß, wie viele Schätze sich in den Tiefen der Supermarkt-Container finden lassen, wenn am Abend nicht verkaufte Ware einfach weggeschmissen wurde.

Verschleiß zu Hause

Das Haltbarkeitsdatum scheint bis heute noch eine der missverstandensten Zeitangaben zu sein, sonst würden wohl kaum so viele essbare Lebensmittel in der Tonne landen. Der Vollständigkeit halber nochmal die Aufklärung: Das Datum bedeutet eine Garantie, dass das Lebensmittel bis dahin haltbar ist. Es bedeutet nicht, dass es danach schlecht ist. Wegen der Garantie muss das Datum sogar früher angesetzt sein, als das Produkt voraussichtlich schlecht werden wird.

Selbst wenn wir um den Mythos Haltbarkeitsdatum wissen, landet immer noch genug Essen im Müll. Wir wissen oft nicht was alles tatsächlich essbar ist und schmeißen lieber zu viel weg. Suppengrün, Kartoffelschale, das Innere vom Apfel, nur um ein paar Beispiele zu nennen. Lieber mehr wegschneiden lautet das Motto in unseren Küchen. Die richtige Lagerung ist auch vielen fremd – oder wunderst du dich nie warum die Tomaten im Kühlschrank so schnell matschig werden? Und last but not least komme ich zu den Mengen. Es ist wirklich schade, dass in Supermärkten 2 kg Möhren günstiger sind als 1 kg, besonders vor dem Hintergrund, dass in Deutschland jeder fünfte Mensch in einem Einpersonenhaushalt wohnt und die durchschnittliche Haushaltsgröße nur bei zwei Personen liegt. Nicht sehr verwunderlich, dass viele der extra groß portionierten Lebensmittel im Müll landen.

Von Gastronomiebetrieben möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.

Es entsteht der Eindruck, dass wir den Wert von Nahrung verloren haben. Und damit meine ich nicht die Lust an der Pizza, sondern die Entscheidung auch den Rand mitzuessen. Den einen Grund dafür habe ich schon angedeutet: Respekt den 821 Millionen Menschen gegenüber, die sich das eben nicht leisten können. Den anderen Grund bilden die Folgen der Müllproduktion für das Klima.

Wie wir den Klimawandel befeuern

Auch Müll gilt als treibender Faktor für den Klimawandel. Besonders hoch ist der vermeidbare Verlust von Getreideerzeugnissen (v.a. Brot und Backwaren), Gemüse und Obst, gefolgt von Milch- und Kartoffelerzeugnissen. Im Gegensatz dazu stehen beim Flächenfußabdruck Getreide, Fleisch- und Milcherzeugnisse an oberster Stelle.

Die Produktion aller verlorenen Lebensmittel erfordert Anbaufläche, Wasser, Energie für Lagerung und Transport, Kühlung, Verpackungsmaterial und Entsorgung. Alles umsonst ausgestoßene Treibhausgase und verlorene Fläche, die sonst Lebensraum bieten und Artenschutz betreiben könnte.

Aktiv werden: diese Initiativen gehen gegen Lebensmittelverschwendung vor

Des Problems der Lebensmittelverschwendung haben sich einige Initiativen schon vor Jahren angenommen. Foodsharing ist wahrscheinlich die bekannteste. Foodsaver „retten“ Lebensmittel aus verpartnerten Betrieben und Privathaushalten oder holen diese aus sogenannten Fairteilern in der Stadt ab – alles kostenlos. Wer mitmachen möchte, kann sich einfach registrieren. Erfahrungen zur UXA Foodsharing-App kannst du hier nachlesen.

Mit einem ähnlichen Konzept arbeitet Too good to go, allerdings bezahlst du hier einen reduzierten Preis für übriggebliebene Lebensmittel. Über die App werden dir gastronomische Betriebe angezeigt, bei denen du dir deine „Wundertüte“ mit überschüssigem Essen abholen kannst.

In Stuttgart gibt es sogar ein Foodsharing Café, die Raupe Immersatt.

Hartgesottene Lebensmittelretter*innen gehen containern, allerdings ist das in Deutschland illegal und kann zu Strafanzeigen führen. Manche Supermärkte tolerieren diese Art des zivilen Ungehorsams, andere verschließen ihre Müllcontainer absichtlich. Eine abgeschwächtere Form davon haben Freiburger Studierende in ihrer Mensa durchgesetzt: das „Bändern“.

All die Initiativen leisten tolle Arbeit gegen Lebensmittelverschwendung, doch auch die Politik muss endlich was tun. Aktuell wird im Bundestag ein Gesetz diskutiert, das Hersteller mit in die Verantwortung ziehen soll für den Müll ihrer Ware. Ziel sind Haltbarkeit, Wiederverwendbarkeit und weniger Verpackung. Die Kritik ist jedoch laut und kommt von allen Seiten: nicht weitreichend genug, schlechte Umsetzung, fehlende Kontrollmechanismen. Wie rückständig Deutschland tatsächlich im Thema Lebensmittelverwertung ist, zeigen die folgenden drei Beispiele aus Europa.

Blick über den Tellerrand: Europa

Seit Februar 2016 dürfen Supermärkte in Frankreich keine Lebensmittel mehr wegwerfen. Unverkaufte Ware muss stattdessen kostenlos abgegeben werden.

Italien versucht durch Anreize wie Steuererleichterungen Unternehmen zu überzeugen, Lebensmittel nicht zu verschwenden. Zudem können Lebensmittel nach Überschreiten des Verkaufsdatums gespendet sowie fehlerhaft gekennzeichnete Waren weitergegeben werden.

Auch Finnland will nun Lebensmittelverschwendung gesetzlich verbieten. Das Verbot soll für Supermärkte, Restaurants, Krankenhäuser und Cafés gelten.

Schließlich wurde in Tschechien ein Gesetz erlassen, dass Supermärkte verpflichtet unverkäufliche Lebensmittel zu spenden.

Vorlagen zur Umsetzung eines Gesetzes gegen Lebensmittelverschwendung gibt es genug. Das Problem scheint bisher noch nicht dringlich genug zu sein. Schade, da durch das Einbinden von Supermärkten und Gastronomie enorme Mengen an Müll wegfallen können und sogar Spenden ansteigen. Angesichts der steigenden Nachfrage bis Überforderung bei unseren gemeinnützigen Tafeln wäre das eine gute Lösung für beide Seiten.

Beitragsbild von Markus Spiske auf Pixabay

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