Human Development Index – Wie messen wir eigentlich Entwicklung?

Entwicklung und Entwicklungspolitik sind uns allen ein Begriff. Wir sprechen darüber wie Länder sich entwickeln und auch über Entwicklungszusammenarbeit. Das alles sind wichtige Begriffe im Feld der Bildung für nachhaltige Entwicklung und des Globalen Lernens. Aber wie wird eigentlich festgelegt, welche Staaten als entwickelt gelten und welche nicht? Außerdem beschreibt der Begriff Entwicklung ja schon einen Prozess. Wie wird also die Veränderung und ihre Richtung über die Zeit gemessen?

Um diese Fragen zu klären, werfen wir in diesem Beitrag einen Blick auf wissenschaftliche Ansätze zur Entwicklung. Die wichtigste Erhebung, um den Entwicklungsstand zu messen, ist seit vielen Jahren der Human Development Index, kurz HDI, der Vereinten Nationen. Er misst anhand von drei Komponenten, wie viel oder wenig sich ein Staat entwickelt hat und kann so zum Beispiel Aufschluss darüber geben, wie die jeweilige Regierung weiter handeln sollte oder ob die geleistete Entwicklungszusammenarbeit effektiv war.

Was ist überhaupt Entwicklung?

Um zu verstehen, wie und warum der HDI in dieser Form erhoben wird, müssen wir zunächst schauen, wie Entwicklung in diesem Kontext definiert wird. Also welche Indikatoren einbezogen werden, welche nicht und was genau letztendlich mit Entwicklung gemeint ist.

Wirtschaft = Entwicklung?

Vor 1990 wurde in der Forschung zu Entwicklung fast ausschließlich über die wirtschaftliche Dimension gesprochen. Das heißt, es wurde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf gemessen. Je höher dieses war, desto entwickelter schien das Land.

Das Bruttoinlandsprodukt berechnet sich aus dem Wert aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft erwirtschaftet werden. Das heißt, Ausländer*innen, die in Deutschland arbeiten, sind im deutschen BIP mit inbegriffen. Deutsche, die im Ausland arbeiten, wiederum nicht. Das Ganze wird dann durch die Anzahl der Einwohner*innen geteilt und man erhält das BIP pro Kopf.

Das Bruttoinlandsprodukt allein taugt also nicht ausreichend, um festzustellen, wie gut ein Land entwickelt ist.

Was braucht der HDI noch?

Der Human Development Index füllt diese Lücke. Er sieht großen Wohlstand nicht als Entwicklung selbst, sondern als Werkzeug dazu.

“human development is about giving people more freedom to live lives they value”

UNDP Human Development Reports/What is Human Development?(02.06.2026)

Es geht darum, Menschen zu einem Leben zu verhelfen, das sie selbstbestimmt gestalten können ohne dass ihre Freiheitdurch Krankheiten, Armut oder den fehlenden Zugang zu Bildung eingeschränkt wird.

Quelle: UNDP Human Development Index

Die weiteren Dimensionen

Um Lebensqualität und Freiheiten zu messen, zieht der HDI noch zwei weitere Dimensionen zurate, die besonders wichtig für die Entwicklung eines Landes sind.

Zum einen wird die Lebenserwartung bei der Geburt erhoben, um Gesundheit und Versorgung einzubeziehen.

Um Bildung zu messen, werden bei Erwachsenen ab 25 Jahren die durchschnittlichen Schuljahre gezählt, bei jüngeren die erwartete Anzahl an Schuljahren.

Diese drei Dimensionen werden erhoben und in einem mathematischen Verfahren  zu einer einzigen Zahl zwischen eins und null verrechnet, wobei eins die höchste Entwicklungsstufe markiert. So können alle Länder, für die diese Daten erhoben werden, miteinander verglichen werden.


Quelle: UNDP Human Development Index

Kritik am Vorgehen

Betrachtet man die Entwicklung lediglich aus ökonomischer Sicht, ist der Human Development Index bereits ein großer Schritt in die richtige Richtung. Doch es gibt auch Kritik.

Die Wissenschaftler*innen die am HDI forschen, haben sich einige Kritikpunkte angeschaut und so hat sich der HDI seit seiner ersten Veröffentlichung 1990 noch sehr verändert. Zum Beispiel wurde anfangs als Variable für die Bildung die Alphabetisierungsrate gemessen. Das wurde kritisiert, weil die Datenlage eher schlecht war und für viele Staaten der gleiche Wert angenommen wurde, was als diskriminierend empfunden wurde.

Und der HDI hat weitere Schwächen. Beispielsweise sind die Verteilungen der Indikatoren über Geschlecht, Sexualität oder Gruppenzugehörigkeit hinweg weitestgehend unbekannt. Dass diese Faktoren jedoch einen großen Einfluss auf das Leben der Betroffenen haben, steht außer Frage. Verbunden damit wird auch die politische Freiheit völlig außer Acht gelassen. Doch politische Korruption oder Instabilität führt oft zu anderen Problemen, die Entwicklung beeinflussen können.

Ein weiterer Punkt, der immer dringlicher wird ist das Klima. Durch die globale Erwärmung kommt es immer wieder zu Naturkatastrophen wie Trockenheit, lebensgefährlicher Hitze oder Überschwemmungen. Diese Katastrophen können häufig nicht ausreichend von Regierung oder Bevölkerung aufgefangen werden und beeinflussen so ebenfalls die Entwicklung.

Was daraus mitnehmen?

Der Human Development Index ist ein Maß für Entwicklung, das in der Forschung häufig genutzt wird. Jedes Jahr gibt es den Human Development Report, der zeigt welche Länder sich wie entwickelt haben. Gemessen werden die Dimensionen ökonomischer Wohlstand, Bildung und Lebenserwartung.

Der HDI ist ein besonders etabliertes Maß, doch wird auch immer wieder kritisiert, dass er, obwohl er mehr als den Wohlstand misst, trotzdem noch viele Faktoren, die zum Wohlergehen der Menschen beitragen außer Acht lässt.

Alternativ zum Human Development Index gibt es noch viele andere spannende Maße:

Interessiert man sich für politische Freiheit, lohnt sich ein Blick auf die Seite von Freedom House. Sie bewerten den Zugang zu politischen und zivilen Rechten von Bürger*innen weltweit.

Ein ganz alternatives Maß stellt das sogenannte Brutto-National-Glück dar, das erstmals im Königreich Bhutan erhoben wurde. Hier werden vier Säulen gemessen: stabile und gerechte Wirtschaft, kulturelle Werte, Umweltschutz und eine gute Regierung. Es geht um die innere Zufriedenheit der Bevölkerung. Dieses Konzept unterscheidet sich natürlich massiv vom HDI, wurde aber schon von ein paar Staaten als Vorbild genommen.

Falls ihr euch für rassismuskritische Entwicklungszusammenarbeit interessiert schaut euch doch diese Beiträge von EineWeltBlaBla an:

Quellen:

https://hdr.undp.org/about/human-development

https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/18944/bruttoinlandsprodukt/

https://www.lse.uni-hannover.de/fileadmin/lehrerbildung/Fotos/Teaching_Change/Unterlagen/Bruttonationalglueck.pdf

https://freedomhouse.org/country/scores

Raworth, Kate/Stewart, David (2005 [2002]): Critiques of the Human Development Index: A Review, in: Fukuda-Parr, Sakiko/Kumar, A.K. Shiva (Hrsg.): Readings in Human Development. Second Edition, Oxford: Oxford University Press, S. 164-176.

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