16 Apr. 2026 White Saviors – die Retter*innen des Globalen Südens
Die armen, dankbaren Kinder
Der „White Saviorism“ ist in den letzten Wochen vielen Menschen in den sozialen Medien ein Begriff geworden. Grund dafür ist ein Instagram-Post von Sarah Engels, die Deutschland 2026 beim Eurovision Songcontest vertreten wird. Sie zeigte sich in dem Video mit einer Gruppe von Kindern in Südafrika beim Singen ihres Songs für den ESC. Dazu schreibt sie, sie habe ihre neue Leidenschaft gefunden: Gesangslehrerin in Südafrika.

Quelle: n-tv
Für diesen Post erntete Sarah Engels jede Menge Kritik aus der POC-Community auf Instagram und Co. Dabei ging es vor allem darum, dass die Kinder in dem Video völlig unzensiert gezeigt wurden, während die Sängerin ihre eigenen Kinder konsequent nicht im Internet preisgibt oder ihre Gesichter unkenntlich macht. Außerdem wurde viel darüber gesprochen, dass die Darstellung dieses Szenarios die weiße Frau Sarah Engels als Heldin zeigt, die den „armen“ Schwarzen Kindern gütigerweise das Singen beibringt. Dabei nutzt sie das Call-and-Response-Prinzip, welches seine Ursprünge wiederum in der Kultur afrikanischer Sklav*innen hat.
„Google doch mal white savior!“
Das steht unter einigen Beiträgen zu diesem Thema. Übersetzt heißt das so viel wie „weiße*r Retter*innen“. Aber was hat es damit auf sich?

Kurz gesagt wird das Phänomen des „White Saviorism“ damit beschrieben, dass sich weiße Menschen aus dem Globalen Norden dazu verpflichtet und befähigt fühlen, Menschen in Ländern des Globalen Südens durch „Entwicklungshilfe“ etwas Gutes zu tun, sie langfristig zu unterstützen und die gemeinsame koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten. Was zunächst unterstützend wirkt, reproduziert häufig bestehende Machtasymmetrien.
Wer muss „entwickelt“ werden?
Denn wenn weiße Menschen in den Globalen Süden kommen, um zu „helfen“, impliziert das, dass die Menschen im Globalen Süden nicht in der Lage sind sich selbst zu helfen. Sie gelten im Gegensatz zu den Ländern im Globalen Norden als „unterentwickelt“ und müssen „gerettet“ werden. Dabei ist oft die Vorstellung von den Ländern im Globalen Süden stark verzerrt. Der Maßstab sind die Standards an Leben, Hygiene und Wohlstand, die weiße Menschen aus ihrer Heimat kennen. Die Darstellungen zeigen: Es herrschen prekäre Verhältnisse, der Zugang zu Bildung und ausreichender Ernährung bleibt allen Kindern verwehrt und ohne unsere Hilfe können die Einheimischen das auch nicht ändern.
Das sollte aber nicht der Maßstab sein. Völlig andere Umweltfaktoren und kulturelle Praxen spielen eine Rolle. Die Menschen haben sehr wohl eine Vorstellung davon wie, Probleme gelöst werden können, und ein großer Teil der Gesellschaft lebt in modernen Großstädten. Doch durch Postkolonialismus und problematische Entwicklungshilfe können die Staaten nicht so agieren, wie sie gerne würden oder wie es am besten für sie wäre.
Was können Hilfsorganisationen dagegen tun?
Für Organisationen und Menschen, die Entwicklungsarbeit und vor allem Entwicklungszusammenarbeit leisten, ist es essentiell, immer wieder zu hinterfragen, wem ihre Arbeit eigentlich nützt und ob diese Zusammenarbeit tatsächlich auf Augenhöhe stattfindet. Denn auch sie arbeiten nicht immer diskriminierungsfrei und der Reflexionsprozess über Machtstrukturen sollte niemals für abgeschlossen gehalten werden.

Fragen, die man sich hierbei stellen kann: Wer muss „entwickelt“ werden? Ist Entwicklung ein Synonym für die Anpassung an westliche Standards? Ist die Organisation abhängig von schlechten Lebensverhältnissen im Globalen Süden? Wer profitiert von Entscheidungsmechanismen? Wer hat die Entscheidungsmechanismen geschaffen?
Eine Organisation, die sich diese Fragen regelmäßig stellt, ist natürlich schon in ihrer Grundeinstellung reflektierter und bereit, bestehende Machtkomplexe zu hinterfragen und die eigene Arbeit kritisch zu bewerten. Leider gibt es eine große Fülle an NGOs und Stiftungen, die zu dieser Art von Reflexionsbereitschaft gar nicht erst kommen und sich hinter ihren vermeintlichen Held*innentaten verstecken.
Die weißen Retter*innen – oder Selbstdarsteller*innen?
Ein Beispiel dafür sind Organisationen, die Freiwilligendienste im Globalen Süden organisieren. Einen solchen Dienst anzutreten, ist für viele ein großer Traum und ein Weg „sich selbst zu finden“. Tatsächlich werden hier aber fachlich ungebildete Arbeitskräfte entsandt, die teilweise auch noch drauf zahlen müssen.
Die meist sehr jungen Freiwilligen können in den Projekten mitwirken, obwohl sie weder sprachlich noch lokal wirklich wissen, was im jeweiligen Land oder in der Region gebräuchlich ist. Sie dürfen mit Kindern arbeiten oder handwerkliche Tätigkeiten übernehmen, obwohl sie dazu nicht ausgebildet sind. Oft werden hierbei die Interessen der Organisationen im Herkunftsland über die der Organisation am Einsatzort gestellt, da eine finanzielle Abhängigkeit besteht.
Auch andere Menschen bedienen sich gerne dieses Narrativs: Spenden sammeln, Projekte bewerben und Schulen mit aufbauen, um im Anschluss – gerührt von der Dankbarkeit der Menschen, aber auch schockiert aufgrund der „schlimmen“ Verhältnisse – wieder nach Deutschland zu fliegen. Und das alles natürlich auf Instagram teilen, ohne auf die Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Menschen zu achten.
Entwicklungshilfe richtig machen
Es geht in diesem Beitrag nicht darum, dass Spenden an Hilfsorganisationen, Entwicklungszusammenarbeit, Freiwilligendienste oder Spendenaufrufe im Kern etwas Verwerfliches und Kolonialistisches sind. Worum es geht, ist das Wie:
Spenden wir, weil wir Mitleid haben mit den vermeintlich armen, unterentwickelten Menschen im Globalen Süden? Weil wir auf Plakaten und in den sozialen Medien ständig Bilder von unterernährten Kindern sehen, die so dankbar sind, wenn wir ihnen eine Mahlzeit ermöglichen? Ist die weiße Person, die diese Organisation bewirbt, uns sympathischer, weil sie sich einsetzt für vermeintlich Minderbemittelte?
Oder: Nehmen wir die Menschen im Globalen Süden ernst? Richten wir unsere „Hilfe“ danach aus, was tatsächlich gebraucht wird, um aus der finanziellen und wirtschaftlichen Abhängigkeit auszubrechen? Sind Fachkräfte vor Ort in Führungspositionen? Wer profitiert wirklich von meiner Spende?

Was können wir von Sarah Engels lernen?
Mittlerweile ist das Video auf dem Instagram-Account von Sarah Engels gelöscht. Auch unter ihren anderen Posts finden sich nur noch wenige Kommentare, die Kritik äußern. Die meisten wurden ebenfalls gelöscht. Was es gibt, ist ein Interviewausschnitt, in dem Sarah Engels gefragt wird, ob sie sich die Kritik zu Herzen genommen hat. Sie erklärt, dass sie im Rahmen ihrer Stiftung von den Organisationen vor Ort eingeladen wurde und das Video sich ohne große Planung ergeben habe. Die Kritik hätte sie sich zu Herzen genommen und aus diesem Grund das Video gelöscht. Auf die konkreten Vorwürfe geht sie hier nicht ein.
Damit zeigt Sarah Engels als Paradebeispiel, was wir als Gesellschaft des Globalen Nordens noch alles über Entwicklungszusammenarbeit zu lernen haben und dass die gleichen problematischen Narrative immer wieder für den eigenen Vorteil genutzt werden, auch wenn dieser Fehler schon viele andere das gute Image gekostet hat.
Es zeigt aber auch, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die bereits einiges gelernt haben, die bereit sind ihre eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen und echte Aufklärungsarbeit zu leisten.
Weiterführendes:
https://www.gender-nrw.de/white-saviorism/
Podcast: https://www.canadaland.com/shows/the-white-saviors/
Weiß und Schwarz werden hier nicht als essentialistische körperliche Eigenschaften verstanden, sondern „Schwarz“ als politische Selbstbezeichnung von Menschen, die Rassismuserfahrungen machen und „weiß“ als gesellschaftliche Position mit Privilegien. Schreibweise nach Amensty International.
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