22 Sep. 2026 „Fair-Hütung“: Wer trägt die Verantwortung, die Kosten und die gesundheitlichen Risiken der Verhütung?

Verhütung betrifft in der Regel zwei Menschen. Trotzdem liegt die Hauptverantwortung nach wie vor überwiegend bei den Frauen. Das zeigt sich nicht nur an der ungleichen Auswahl an Verhütungsmitteln, sondern auch daran, wer die gesundheitlichen Nebenwirkungen trägt und sich mit Hormondosis, Arztbesuchen oder langfristigen Risiken auseinandersetzen muss.
Der Wunsch nach einer gerechteren Verantwortungsverteilung ist deutlich erkennbar: Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2023 (pdf) finden 62,9 Prozent der Männer, dass Verhütung aktuell zu sehr Frauensache sei. Zudem konnten sich 60,5 Prozent der Frauen und 29,7 Prozent der Männer eine hormonelle Methode für den Mann in der Partnerschaft vorstellen. Weitere 44,4 Prozent der Männer wären dazu bereit, sobald sie genauer darüber Bescheid wüssten.
Dass die Befürwortung bei Frauen noch höher liegt als bei Männern, zeigt eine YouGov-Umfrage von 2024: Während 63 Prozent der Männer eine männliche Pille grundsätzlich unterstützen, sprechen sich 76 Prozent der Frauen positiv dafür aus.
Trotzdem ist die Auswahl an Verhütungsmethoden nach wie vor sehr ungleich verteilt.
Wie wird in Deutschland verhütet?

Beim Thema Verhütung hat in Deutschland in den letzten Jahren ein spürbarer Wandel eingesetzt. Das Kondom hat die Pille inzwischen als beliebtestes Verhütungsmittel abgelöst. 67 Prozent der Befragten nutzen dieses mittlerweile regelmäßig.

Gleichzeitig verliert die klassische Antibabypille vor allem bei der jüngeren Generation stark an Attraktivität. Während vor wenigen Jahren noch fast drei Viertel der Frauen unter 30 zur Pille griffen, ist es heute nicht einmal mehr die Hälfte. Viele junge Frauen entscheiden sich bewusst gegen künstliche Hormone. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass hormonelle Methoden aus dem Alltag verschwunden sind: Klassische Pillenpräparate gehören nach wie vor zu den am häufigsten verwendeten Verhütungsmitteln in Deutschland.
Dabei ist die Auswahl für Frauen generell sehr hoch. Ihnen stehen rund 14 verschiedene zugelassene Verhütungsmittel zur Verfügung. Die Auswahl reicht von der Hormon- oder Kupferspirale und der Kupferkette über den Vaginalring, das Verhütungspflaster und die Dreimonatsspritze bis hin zum Diaphragma. Die Mehrheit dieser Methoden greift dabei direkt in den Hormonhaushalt ein oder erfordert medizinische Eingriffe. Für Frauen bedeutet diese Vielfalt daher oft die Wahl zwischen verschiedenen Nebenwirkungen, gesundheitlichen Risiken oder körperlichen Belastungen.

Für Männer hingegen hat sich am Angebot seit Jahrzehnten kaum etwas verändert. Wer als Mann aktiv verhüten möchte, hat praktisch nur die Wahl zwischen zwei Optionen: dem Kondom oder der Vasektomie, einem dauerhaften chirurgischen Eingriff, welcher für etwa acht Prozent der Männer infrage kommt.
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wenn Verhütung als gemeinsame Verantwortung verstanden wird, warum gibt es dann so wenige Möglichkeiten für Männer?
Welche alternativen Verhütungsmöglichkeiten für Männer gibt es?
An Ideen mangelt es der Forschung keineswegs. Verschiedene Ansätze versuchen, die Spermienproduktion oder den Transport der Spermien vorübergehend zu unterbrechen.
Im Fokus stehen dabei vor allem hormonfreie Methoden. Eine Möglichkeit bildet die thermische Verhütung: Dabei werden die Hoden mithilfe eines Silikonrings oder einer speziellen Verhütungsunterhose leicht angehoben. Die eigene Körperwärme stoppt so ganz ohne künstliche Hormone vorübergehend die Spermienreifung.

Andere hormonfreie Forschungsansätze setzen direkt am Samenleiter an. Dazu gehören injizierbare Hydrogele, die den Durchfluss der Spermien mechanisch blockieren und sich nach einer bestimmten Zeit selbst auflösen, oder implantierbare Samenleiterventile, die wie ein Schalter betätigt werden können und so den Transport unterbrechen. Ein weiterer Forschungsansatz ist der hormonfreie Wirkstoff YCT529. Dieser hemmt gezielt die Vitamin-A-Versorgung im Hoden und stoppt so die Spermienbildung vollkommen reversibel, ohne dabei den Testosteronspiegel, die Stimmung oder die Libido zu beeinflussen.
Neben diesen hormonfreien Alternativen wird weiterhin an hormonellen Präparaten geforscht. Ein Beispiel ist das sogenannte NES/T-Gel, eine Kombination aus Nestoron und Testosteron, das täglich auf die Schultern aufgetragen wird, um die Spermienproduktion zu unterdrücken.
Was all diese Methoden verbindet: Sie befinden sich noch in unterschiedlichen Stadien der Forschung und Entwicklung. Eine zugelassene Alternative zu Kondom und Vasektomie gibt es bislang nicht.
Warum gibt es noch keine „Pille für den Mann“?
Seit fast vier Jahrzehnten heißt es in den Medien immer wieder, die Pille für den Mann stehe kurz vor dem Durchbruch. Doch an diesem ewigen Versprechen hat sich bis heute praktisch nichts geändert. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

Ein Hauptgrund liegt in der unterschiedlichen Bewertung von Nebenwirkungen durch die Zulassungsbehörden. Medizinische Risiken werden bei Medikamenten immer gegenüber dem Nutzen abgewogen. Bei Frauen werden Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme, Akne oder Thromboserisiken seit den 1960er Jahren in Kauf genommen, weil ihnen das gesundheitliche Risiko einer ungewollten Schwangerschaft gegenübergestellt wird. Da Männer die körperlichen Folgen einer Schwangerschaft jedoch nicht selbst tragen, gelten dieselben Nebenwirkungen bei ihnen als medizinisch nicht vertretbar, wodurch klinische Studien zum Erliegen kommen.
Auch biologische Herausforderungen werden als Argument genannt. Während bei Frauen in jedem Zyklus in der Regel eine Eizelle zur Befruchtung bereitsteht, werden im männlichen Körper kontinuierlich große Mengen an Spermien produziert. Diese Produktion zuverlässig und gleichzeitig reversibel zu unterdrücken, sei komplexer.
Schließlich fehlen oft die finanziellen Mittel. Bis ein Präparat zugelassen werden kann, sind umfangreiche Studien notwendig. Gerade bei Verhütungsmitteln geht es dabei um gesunde Menschen, die das Präparat nicht zur Behandlung einer Krankheit einnehmen. Da große Pharmakonzerne mit Verhütungsmitteln für Frauen verlässliche Gewinne erzielen, sehen viele von ihnen wenig Anreiz, Geld in Risikoforschungen für Männer zu investieren.
Damit kommt eine weitere Frage ins Spiel: „Wie werden gesundheitliche Risiken bei der Verhütung eigentlich bewertet und warum tragen Frauen diese Risiken seit Jahrzehnten in besonders hohem Maße?“
„Fair-Hütung“: Warum werden Nebenwirkungen unterschiedlich wahrgenommen?

Der Begriff „Fairhütung“ nimmt genau diese Verteilung von Verantwortung und gesundheitlichen Risiken in den Blick. Hormonelle Verhütungsmittel für Frauen sind naturgemäß mit potenziellen Nebenwirkungen verbunden. Wie stark diese im Alltag spürbar werden, ist individuell unterschiedlich.
Ein prägnantes Beispiel ist das Gestagen Chlormadinonacetat, das unter anderem in den weit verbreiteten Pillenpräparaten Belara® und Bellissima® enthalten ist. Diese Pillenpräparate sind teilweise bereits seit über 20 Jahren (pdf) auf dem deutschen Markt. Im Jahr 2022 informierten die zuständigen Gesundheitsbehörden in einem offiziellen Rote-Hand-Briefüber ein erhöhtes Risiko von Meningeomen im Zusammenhang mit diesem Wirkstoff. Meningeome sind meist gutartige Tumoren der Hirnhaut.
Für Hochdosierte Präparate mit Chlormadinon- oder Nomegestrolacetat wurden deshalb deutliche Einschränkungen ausgesprochen. Für niedrig dosierte Antibabypillen ergaben sich zwar keine neuen akuten Risiken, die Behörden weisen jedoch auch darauf hin, dass die Gesamtmenge über die Jahre entscheidend bleibt.
Dieser Fall macht deutlich, wie unterschiedlich medizinische Abwägung im Zusammenhang mit der Antibabypille funktioniert. Risiken werden bei Medikamenten nie isoliert betrachtet, sondern stets gegenüber ihrem Nutzen abgewogen. Aber genau hier offenbart sich die fundamentale Schieflage zwischen den Geschlechtern.
Die Frage nach „Fair-Hütung“ richtet sich deshalb nicht nur gegen einzelne Präparate, sondern hinterfragt ein jahrzehntealtes System der medizinischen Risikobewertung.
Wenn Verhütung auch eine wirtschaftliche Frage ist
Neben medizinischen Faktoren spielen auch wirtschaftliche Strukturen eine Rolle. Immer wieder wird deshalb die Frage diskutiert, welche finanziellen Interessen hinter der Verschreibung bestimmter Verhütungsmittel stehen.

Ein zentraler Kritikpunkt richtet sich gegen sogenannte Anwendungsbeobachtungen. Bei diesen Studien dokumentieren Praxen Daten zur Verträglichkeit von Medikamenten im Alltagsgebrauch und erhalten dafür Aufwandsentschädigungen von Pharmaunternehmen.
Kritikerinnen und Kritiker sehen darin ein mögliches Marketinginstrument. Wenn Ärztinnen und Ärzte für die Dokumentation der Anwendung eines bestimmten Präparats bezahlt werden, kann die Grenze zwischen Forschung, Marketing und Verschreibung verschwimmen. Anwendungsbeobachtungen sind jedoch rechtlich zulässig und stellen keineswegs zwangsläufig eine Beeinflussung dar.
Die Diskussion zeigt dennoch, dass die Frage nach Verhütung nicht nur medizinisch betrachtet werden kann. Auch Forschungsgelder, Marktinteressen und wirtschaftliche Anreize spielen eine Rolle dabei, welche Methoden entwickelt, untersucht und verschrieben werden.
Was tut sich aktuell in der Forschung?

Dass sich auf politischer Ebene etwas bewegt, zeigt ein Blick auf die aktuelle Forschungsförderung der Bundesregierung. Seit Anfang 2026 unterstützt das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) vier interdisziplinäre Forschungsverbünde mit insgesamt rund 12 Millionen Euro.
Der Großteil dieser Projekte konzentriert sich gezielt auf hormonfreie Ansätze, wie das Hemmen spermienspezifischer Ionenkanäle oder das Unterbrechen des Spermientransports. Ergänzend dazu untersucht ein weiterer Forschungsverbund, wie digitale Zyklusapps und Biomarker die natürliche Familienplanung verlässlicher machen können.
Diese Initiative fördert somit gezielt nebenwirkungsarme Alternativen für alle Geschlechter und macht deutlich, dass Verhütung zunehmend als wichtiger Bestandteil einer geschlechtersensiblen Medizin verstanden wird.
Verhütung ist keine Selbstverständlichkeit
Während in Deutschland vor allem die gerechte Verteilung von Risiken und Verantwortung im Zentrum steht, rückt global eine ganz andere Realität in den Fokus: Der grundlegende Zugang zu verlässlichen Verhütungsmitteln ist für Millionen Menschen nicht selbstverständlich.
Weltweit haben schätzungsweise 200 bis 257 Millionen Frauen keinen ausreichenden Zugang zu modernen Verhütungsmethoden. Besonders kritisch ist die Lage in Subsahara Afrika: Dort liegt der ungedeckte Bedarf bei rund 24 Prozent und in über 90 Prozent der untersuchten Länder nutzen weniger als die Hälfte der sexuell aktiven Mädchen Verhütungsmittel.
Dabei geht es nicht nur um die Frage, welche Methode bevorzugt wird. Kosten, instabile Lieferketten, fehlende medizinische Infrastruktur, mangelnder Zugang zu Notfallverhütung und gesellschaftliche Vorstellungen können darüber entscheiden, ob Verhütung überhaupt möglich ist.

In vielen Ländern spielen Methoden wie die Dreimonatsspritze oder die weibliche Sterilisation eine dominante Rolle, obwohl beide erhebliche Nachteile mit sich bringen. Die Dreimonatsspritze geht wegen ihrer hohen Hormondosis oft mit stärkeren Nebenwirkungen einher und die weibliche Sterilisation ist ein irreversibler chirurgischer Eingriff mit medizinischen Risiken, der in manchen Regionen unter mangelhaften Standards durchgeführt wird. Gleichzeitig ist männliche Verhütung vielerorts gesellschaftlich weniger etabliert. Auch global ist Verhütung daher nicht nur eine medizinische Frage, sondern hängt mit dem Zugang, Geschlechterrollen, dem Einkommen und gesellschaftlicher Selbstbestimmung zusammen.

Welche dramatischen Folgen damit einhergehen, zeigt sich daran, dass ungewollte Schwangerschaften nicht nur Bildungschancen frühzeitig zunichtemachen, sondern Komplikationen bei Schwangerschaften, Geburten und unsicheren Abbrüchen vielerorts sogar zu den häufigsten Gesundheitsrisiken und Todesursachen für Mädchen und junge Frauen zählen.
Damit wird deutlich: Über „faire“ Verhütung zu sprechen bedeutet international nicht überall dasselbe. Während in Deutschland die Frage nach der gerechteren Verteilung gesundheitlicher Risiken im Mittelpunkt steht, geht es woanders primär um den generellen Zugang zu Informationen, medizinischer Versorgung und Verhütungsmitteln.
Verhütung als Frage feministischer Entwicklungspolitik
An diesen strukturellen Ungleichheiten setzt auch die feministische Entwicklungspolitik an. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) verfolgt seit 2023 eine Strategie, die auf den drei zentralen Säulen: Rechte, Ressourcen und Repräsentanz (den sogennanten drei „R“) beruht.

Überträgt man diesen Ansatz auf das Thema Verhütung, geht es zunächst um das Recht auf sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie auf körperliche Selbstbestimmung. Es braucht zudem Ressourcen zur Aufklärung, medizinischen Versorgung und den verlässlichen Zugang zu Verhütungsmitteln. Schließlich bedeutet Repräsentanz, dass Frauen und Mädchen an Entscheidungen beteiligt werden sollten, die ihre Gesundheit und ihr Leben betreffen.
Damit führt die Frage „Ist Verhütung Frauen- oder Männersache?“ zu einer weitaus größeren Erkenntnis: Verhütung nicht nur eine private Entscheidung oder Aufgabe, die einem Geschlecht zugeordnet werden muss. Sie umfasst fundamentale Fragen von Gesundheit, Selbstbestimmung, Geschlechterrollen sowie sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten. Eine gerechtere Verteilung der Verantwortung bedeutet deshalb nicht einfach, die Pille durch eine „Pille für den Mann“ zu ersetzen. Es geht vielmehr darum, mehr Wahlmöglichkeiten für alle zu schaffen, hormonfreie und nebenwirkungsarme Alternativen für alle Geschlechter zu fördern und so Verantwortung, Wissen, gesundheitliche Risiken und Zugang zu Verhütung gerechter zu verteilen.

Alisha Weiss
Titelbild: Foto von Reproductive Health Supplies Coalition auf Unsplash
Beispielbild einer Frau die eine Tablette einnimmt: Foto von danilo.alvesd auf Unsplash
Bild Kondom: Foto von cottonbro studio pexels
Bild Pillenpräparat Aristelle: Foto von Alisha Weiss
Beispielfoto chirurgischer Eingriff: Foto von César Badilla Miranda auf Unsplash
Illustration Spermien und Eizelle: Foto von Nadezhda Moryak von Pexels
Abschnitt im Beipackzettel der Antibabypille Aristelle zum Thromboserisiko: Foto von Alisha Weiss
Häufige und gelegentliche Nebenwirkungen der Aristelle: Foto von Alisha Weiss
Beispielfoto Arztgespräch: Foto von Vitaly Gariev auf Unsplash
Mikroskop: Foto von National Cancer Institute auf Unsplash
Beispielfoto Dreimonatsspritze: Foto von Dima Solomin auf Unsplash
Beispielfoto Schwangerschaft: Foto von Pavel Danilyuk pexels
Plakat „My Body my Rules“: Foto von olia danilevich pexels
Demonstrationsplakat „Equality in Diversity“: Foto von Amy Elting auf Unsplash
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