Die Vision der Einen Welt

Kriege und deren Flüchtende, der Klimawandel, Ausbeutung durch Rohstoffhandel – die weltweiten Verflechtungen sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Missstände sind derzeit an Aktualität und Dringlichkeit nicht zu überbieten. Sie reißen Kluften in unsere globale Gesellschaft, die uns stetig herausfordern. Schaffen wir es als Weltgesellschaft diese Kluften zu schließen oder bleibt die Vision der Einen Welt eine Utopie?

Dass es nur eine Welt gibt, also eine Erde, so wie wir sie kennen, darin sind sich (zumindest die meisten) Menschen einig. Doch die Eine Welt umfasst mehr als die physischen Grenzen unseres Planeten. Am populärsten scheint der Begriff im Zusammenhang mit den Eine-Welt-Läden zu sein, die diesen Namen ihrer bisherigen Bezeichnung als Dritte-Welt-Läden vorziehen. Es geht also um die Abschaffung der veralteten Einteilung in eine Erste Welt mit den sogenannten Industrienationen, eine Zweite Welt mit den ehemals kommunistischen Ländern und eine Dritte Welt mit – dem Rest.

Zu diesem „Rest“ zählen in erster Linie die Länder des globalen Südens, die darüber hinaus die Stigmatisierung einer Unterentwicklung aufgedrückt bekommen. Es zeigt sich: Die Mächtigen bestimmen, wie die Welt eingeteilt, wie sie bezeichnet und wie über sie gesprochen wird – und legitimieren damit ihr Handeln. Seit den 1970ern etwa findet ein Umdenken statt und vor allem aus dem Umfeld der Entwicklungszusammenarbeit kommt der bewusste Gebrauch der Bezeichnung Eine Welt.

Koloniale Denkmuster wirken weiter

Die Einteilung der Welt fand ihren Höhepunkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Und davor? Gab es denn jemals die Eine Welt? Wohl kaum, denn die erste „Annäherung“ der Neuzeit zwischen Menschen aus Europa und anderen Kontinenten gipfelte im dunklen Zeitalter des Kolonialismus. Aber jetzt haben wir ja den Begriff Eine Welt, wir leisten nicht mehr Entwicklungshilfe, sondern Entwicklungszusammenarbeit, weil „die Menschen in Afrika“ nicht mehr unsere Hilfe, aber ja wohl immer noch die Zusammenarbeit mit uns und unserem Geld benötigen, um sich zu entwickeln, und während der drei Wochen Work & Travel in Südafrika habe ich gemerkt, wie lebensfroh die Leute sind, obwohl sie ja so wenig haben. Bitte hier ein Augenzwinkern einfügen. Das war etwas zynisch, aber es soll deutlich machen, wie kompliziert immer noch alles ist.

Dass koloniale Denkmuster und Strukturen heute noch sichtbar sind und weiterwirken – sowohl in den ehemaligen Kolonien als auch in den Ländern der ehemaligen Kolonialmächte – belegen die Forschungen des Postkolonialismus. Sie befassen sich unter anderem damit, den aktuellen Diskurs zu differenzieren und gesellschaftliche Annahmen zu entlarven. Die Denkweise, dass z.B. koloniale Gebiete und ihre Einwohner*innen von Natur aus dem Westen untergeordnet seien, wurde von den ehemaligen Kolonialmächten konstruiert. Doch gerade solch ein Denken durchzieht unsere heutige Gesellschaft immer noch. Die ehemaligen Kolonialmächte differenzierten „das Eigene“ und „das Fremde“ und schrieben diesen Kategorien eine vermeintliche Wesenhaftigkeit zu wie z.B. zivilisiert – primitiv, modern – rückständig oder rational – irrational.

Die Vorstellung des „Orients“

Als einer der ersten, der sich mit den gesellschaftlichen Zuschreibungen befasst, gilt Edward Said mit seinem Werk „Orientalism“ von 1978. Said erläutert, wie die geographische Repräsentation des „Orients“ in den Diskursen ausgehend vom französischen und britischen Imperialismus als Gegensatz zu der geographischen Repräsentation „Europa“ produziert wurde. Er erkennt, dass der Blick auf eine vermeintlich natürliche geographische Wirklichkeit nicht per se eine naturgegebene Wahrheit darstellt. Die diskursive Produktion des „Orients“ aus einer eurozentrischen Perspektive umfasst demnach die Vorstellung des mysteriösen, bedrohlichen und exotischen „Morgenlands“, das im Gegensatz zum zivilisierten Europa stehe. Wenn die Menschen über die Länder der MENA-Region (Middle East and North Africa) redeten, sprachen sie lediglich über die Vorstellung dieser Länder, die ihnen im Kopf vorschwebte.

Aus solchen Vorstellungen legitimieren Menschen ihre Handlungen. Rassismus, wirtschaftliche Ausbeutung oder der Anspruch auf eine Entwicklung, die angeblich noch nicht stattgefunden hat, beruhen auch heute noch auf kolonialen Denkweisen, die von den Mächtigen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft manifestiert werden. Im Angesicht der globalen Missstände sind das keine guten Voraussetzungen. Der Klimawandel macht deutlich, dass Ursache und Auswirkung sich nicht mehr an Nationalgrenzen halten. Alle sitzen also im selben Boot? Nein, denn die Verursacher*innen und die, die am meisten unter der Klimaerwärmung leiden, können ganz klar benannt werden. Als Mensch aus dem globalen Süden stellt man sich nun zu Recht die Frage: Warum sollten wir als Weltgesellschaft, als Eine Welt, ein Problem angehen, deren Ursache in ein paar wenigen Ländern ihren Ursprung hat?

Verkommt meine Utopie der Einen Welt zur Dystopie?

Auch wenn ich gerade beginne und damit weitermachen könnte, eine dunkle Zukunft zu malen – die Eine Welt ist nicht aussichtslos. In unserer globalisierten Gesellschaft profitieren wir vom kulturellen Austausch, von wirtschaftlicher Zusammenarbeit und tragen für unsere nachfolgenden Generationen die Verantwortung, koloniale Strukturen und Denkweise zu überwinden und statt Kluften zu vergrößern der Utopie der Einen Welt so gut es geht näher zu kommen.

Wie oben bereits erwähnt umfasst die Eine Welt mehr als einen Planeten mit seiner physischen Oberfläche, der sich in einer elliptischen Bahn um die Sonne bewegt. Doch gerade dieser Planet überfüllt unser Wissen mit seiner Einzigartigkeit, dass Venus und Mars nur müde rüberlächeln können. Die 4,6 Milliarden Jahre alte Heimat aller bekannten Lebewesen strotzt vor Ehrfurcht und stellt alles noch so Bedeutsame in den Schatten (die nächste partielle Mondfinsternis findet am 16. Juli 2019 statt).

Die Wissenschaft erkennt inzwischen ein Phänomen, das genau diese Ehrfurcht vor unserem Planeten beschreibt. Der sogenannte Overview-Effekt tritt bei Astronaut*innen auf, die unsere Erde als Ganzes aus dem Weltraum sehen. Der Effekt beschreibt die veränderte Einstellung, die Raumfahrer*innen zur Erde haben. Der Blick „von oben“ lässt Nationalgrenzen verschwinden, löst Empathie für die Menschheit und ein Gefühl der Einheit aus. Doch auch die Zerstörung wird ersichtlich. Alexander Gerst berichtet vor dem Abflug zu seiner zweiten Mission, dass das enorme Ausmaß der Abholzung des Amazonas-Regenwaldes und die Explosionen in Kriegsgebieten deutlich zu sehen seien.

Der Anstoß zum Handeln?

Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltraum, schrieb nach seiner Landung 1961, dass er gesehen hatte, wie schön unser Planet sei und dass die Menschen diese Schönheit erhalten und vermehren müssten, nicht zerstören. Das Empfinden von einem kollektiven Miteinander, von Mitgefühl und Besorgnis über den Zustand der Erde, an dem das menschliche Handeln Schuld trägt, lässt sich bei zahlreichen Astronaut*innen nach ihrem Raumflug beobachten. Ist er das also? Der Anstoß zum Handeln? Sich für eine bessere Welt, für die Eine Welt einzusetzen? Einmal alle ins All?

Nein, so einfach geht es natürlich nicht. Doch die Untersuchungen zum Overview-Effekt können auch bei uns Erdlingen ein neues Bewusstsein für die Eine Welt und den Umgang mit unserem Planeten wecken. Think globally, act locally! Lasst uns die Kluften unserer globalisierten Gesellschaft schließen – sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltig. Übernehmt Verantwortung, damit die Eine Welt keine Utopie bleibt.

Bildquelle: pexels.com Urheber: Pixabay

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