"Schäm dich!" - dies war das Motto des CARE-Schreibwettbewerbs 2016/17. Ganz unterschiedlich fielen dementsprechend die eingereichten Texte aus, und dieser Text von Mia Veigel gewann den ersten Platz in der Kategorie 14-18 Jahre . Also: Schnappt euch einen Kaffee oder Tee und macht mit uns einen kleinen literarischen Gedankenausflug...

Erkenntnis

von Mia Veigel
Langsam wird es hell. Der Himmel färbt sich von rotorange in ein helles Grauweiß. Die tief hängenden Wolken scheinen an den hohen Bergen zu lecken. Den Apus. Ich muss an meinen Großvater denken. Er sagte immer zu mir: „Hör mir gut zu, Moisés: Die großen Berge um uns herum, die Apus, beschützen uns. Sie sind größer und mächtiger als wir. Versuche niemals, dich über sie zu stellen.“ Ich blicke noch eine Weile auf die riesigen Gestalten, dann krieche ich aus meiner einfachen Schlafgelegenheit und laufe die eisigen Treppenstufen hinunter.

Am liebsten hätte ich meinen Film über Plastik mit einem Hubschrauberflug begonnen. Über reine, unberührte Natur. Nur - es gibt auf der Erde keine unberührte Natur mehr.
So startet der Film Plastic Planet, der die allgegenwärtigen Kunststoffe genau unter die Lupe nimmt. Immerhin wirkt Plastik meistens recht unschuldig: Knallig bunt in Kinderspielzeug, unauffällig verarbeitet in Gebrauchsgegenständen von Zahnbürste über Brotdose bis Computertastatur. Und kann man mittlerweile überhaupt noch ein nicht verschweißtes neues Produkt kaufen? Unsere Welt ist abgepackt in durchsichtigen Tüten, und die Menschheit hat sich längst an die schleichende Machtübernahme des Plastik gewöhnt.

Veganer*innen und Vegetarier*innen in allen Ehren, aber nicht jede*r möchte auf sein Grillwürstchen im Sommer oder den Gänsebraten bei Oma verzichten. Trotzdem wollen viele wissen, was denn da genau auf dem Teller landet. Wie hat das Tier gelebt, unter welchen Bedingungen wurde es großgezogen? Trage ich dazu bei, dass Massentierhaltung noch größer wird? Denn während in der Gesellschaft langsam ein Umdenken stattfindet und Bio-Produkte großen Zulauf bekommen, werden in Deutschland immer mehr Megaställe hochgezogen. Wie genau die Situation in eurem Bundesland aussieht, das erklärt der Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung anschaulich mit Bildern und Grafiken. Und liefert ultimative Zahlen, damit ihr bei der nächsten Fleisch-Debatte mitdiskutieren könnt.

Wir wollen Fashion, aber bitte fair! Gut aussehen ohne schlechtes Gewissen: Das muss machbar sein. Denn wie die Organisation #WhoMadeMyClothes richtig kritisiert, werden unsere Lieblingsteile immer noch zu oft unter katastrophalen Bedingungen in irgendeinem Sweatshop in Fernost produziert. Aber hey, es muss ja nicht immer neu sein. Nicht nur in den Hauptstädten sind Second Hand Shops beliebt. Immerhin finden aufmerksame Augen hier das ein oder andere besondere Teil, das nicht jede/r hat. Und aus zweiter Hand darf es auch mal ein Luxus sein, den man sonst nicht bezahlen würde. Die extravagante Designermarke vielleicht, das Paar charmante Lederstiefeletten oder ein kuscheliger Kaschmirpulli. Eben das, was nicht jedes H&M-Püppchen spazieren trägt. Wer lieber online unterwegs ist, als auf regelmäßigen Flohmärkten oder Second-Hand-Läden nach Schnäppchen zu schnappen, hat im Netz reichlich Auswahl.

Wie wir aussehen bestimmt, wer wir sind - auf den ersten Blick zumindest. Also wollen wir durch unsere Kleidung Persönlichkeit zeigen, Statements setzen, neugierig machen. Dabei wird oft vergessen, wo die Sweater und Jeans, unsere neuen Lieblingsstücke, herkommen - und wer sie vor uns in der Hand gehabt hat. Unter dem Hashtag #WhoMadeMyClothes sucht die Organisation Fashion Revolution nach den Näher/-innen und fordert Unternehmen dazu auf, die Arbeitsbedingungen bei der Entstehung ihrer Produkte offenzulegen.

Es begleitet uns auf Schritt und Tritt, wohin wir auch gehen. Wir sitzen darauf, tragen es am Körper, trinken und essen daraus, spielen damit, halten es ständig in der Hand. Plastik! Um das erdölfressende Produkt ein Stückchen mehr aus unserem Leben zu kicken, gibt es bereits eine Menge Initiativen. Wie bei allen großen Veränderungen ist besonders der Konsument gefragt, sein Konsumverhalten anzupassen - und das muss gar nicht mal so schwer sein. Okay, es gibt da sehr engagierte Menschen. So wie Shia von dem Blog Wastelandrebel, deren Rest- und Plastikmüll aus einem 2-Personen-Haushalt aus einem Jahr mittlerweile in ein 1-Liter-Einmachglas passt. Ihr Projekt: Zero Waste, also ihre Müllproduktion auf das absolute Minimum zu drosseln.