Was ist schon "normal"?

Was ist schon „normal“, wenn wir auf die Welt schauen?

Dieser Text ist Teil der Reihe „Unser Blickpunkt“ des EPIZ Entwicklungspolitisches Informationszentrum Göttingen.


Selbstbewusst, ehrgeizig und leidenschaftlich werden Neugeborene im Jahr 2024. So die Theorie der chinesischen Tierkreiszeichen. Das Neujahr wird dort am 10. Februar gefeiert. Es ist alles andere als in Stein gemeißelt, den Beginn eines Jahres – wie im gregorianischen Kalender – am 1. Januar zu feiern.

Wie bei der Zeitrechnung gibt es auch in anderen Lebensbereichen Konzepte, die sich teils drastisch von dem unterscheiden, was wir gewohnt sind und „normal“ finden. Leider wurde diese Vielfalt insbesondere in der Kolonialzeit allzu oft unterdrückt. Kolonialmächte übertrugen die eigenen Normen auf Kolonialisierte. Dieser „,Eurozentrismus“ zeigt sich auch an der Umbenennung von Gegenden: Aus vielen Orten zogen Soldaten nicht nach „Namibia“, sondern nach „Deutsch-Südwestafrika“, wie es nach der Kolonialisierung genannt wurde. Daher auch der Name eines Göttinger Monuments, dessen heutige Existenz von vielen glücklicherweise nicht mehr als normal hingenommen wird.

Auch der Kontinent Abya Yala existiert für die meisten nicht mehr: Aus ihm wurde „Amerika“. Der Kontinent ist seit 20.000 Jahren besiedelt und hatte zahlreiche lokale Bezeichnungen. Trotzdem konnte er von Christopher Kolumbus 1492 „entdeckt“ und nach dem italienischen Kaufmann Amerigo Vespucci benannt werden. Die Namen sind Zeichen von Macht und Mittel der Unterdrückung sowie Kontrolle indigener Bevölkerungen. Sie trugen oft zur Vormachtstellung der Kolonialherren bei, worauf viele Beiträge hinweisen: „Wer die Karte hat, hat die Macht und wer die Karte zeichnet, macht sich das zu Nutze.“ (WDR)

Auch die Weltkarte, die Schüler*innen bei uns im Geographieunterricht kennenlernen, entspricht meist einer eurozentristischen Perspektive. Das beginnt schon bei den Größenverhältnissen: Auf der „klassischen“ Mercator-Karte erscheint Grönland genauso groß wie Afrika, obwohl Afrika in der Realität 14-mal größer ist. Eine realistischere Einschätzung der Flächenverteilung der Welt bietet die Gall-Peters-Projektion, welche unter anderem Unicef und Engagement Global in großer Stückzahl verteilen.

Mit der Erkenntnis, dass Karten nur eine verzerrte Abbildung der Erde darstellen, können wir noch mehr hinterfragen: Muss Europa im Zentrum der Welt liegen? Muss der Süden unten und der Norden oben sein?

Um diverse Realitäten in Gesellschaften ernst zu nehmen, können wir uns außerdem Feiertage anschauen: Anstatt nur christliche für alle zu bestimmen, könnten neue eingeführt werden: 2004 forderten Bundestagsabgeordnete einen islamischen Feiertag einzuführen. Einige Städte geben einen interreligiösen Kalender heraus. Möglich sind auch mehr Feiertage ohne religiösen Bezug: Seit 2019 ist der Frauentag in Berlin für die meisten frei. Eine andere Alternative wäre, dass sich Arbeitnehmer*innen ihre Feiertage selbst aussuchen und somit ihre eigene (religiöse) Identität leben können. Die Idee des „schwimmenden Feiertags“, den Angestellte aus einer Liste von Feiertagen auswählen können, wird zum Beispiel schon von den Vereinten Nationen umgesetzt.

Es gibt aber auch weitere gute Nachrichten: So steigt bei vielen das Bewusstsein für die Problematik und es werden reihenweise Straßen und Plätze umbenannt, sowie Denkmäler gestürzt und/oder umgewidmet. Gerne würden wir mal am neu eingeführten „Feiertag der Menschenrechte“ durch den Bad Lauterberger Kurpark laufen ohne von einem Kolonialverbrecher überragt zu werden – vielleicht dafür von Bhimorao Ramji Ambedkar?

Im positiven Sinne ungewohnte Aha-Erlebnisse wünschen

Magdalena Gerste, Chris Herrwig und das EPIZ-Team

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