Unsichtbar im Rampenlicht: Merry Clayton, die Rolling Stones und die Frage nach Anerkennung

2. Beitrag: Musik macht Meinung

Wie kann ein Song unsere Welt (unerwartet) verändern? Musik bewegt, verhandelt Gefühle und spiegelt Wünsche sowie Überzeugungen wider, auf Wegen, die selten geradeaus führen. In dieser Beitragsreihe werden einzelne (Irr-)Wege nachgezeichnet und sich auf eine Spurensuche nach den Geschichten hinter Musik begeben. Wie Menschen im wortwörtlichen Hintergrund sich ermächtigen, kann an der Produktion von „Gimme Shelter“ und der (Background-) Sängerin Merry Clayton nachgezeichnet werden.

Die Nacht, in der Geschichte gesungen wurde

Los Angeles, 1969. Merry Clayton, eine Anfang 20-Jährige junge und sehr schwangere Frau liegt im Bett mit ihrem Mann. Es ist fast Mitternacht und beide sind im Begriff zu schlafen, als das Telefon klingelt. Es ist ihr Produzent, der sie fragt, ob sie noch ins Studio kommen könne. Sie solle einem Song „etwas geben“. Eine Band aus England braucht „eine Stimme“. Erst ist sie skeptisch, doch sie lässt sich überreden und macht sich auf den Weg ins Olympic Sound Studio. In ihrem rosafarbenen Pyjama, einem Chanel-Seidenschal über den Lockenwicklern in die Haare gebunden und in einen Pelzmantel gehüllt. Für Clayton kommt es nicht in Frage, ins Studio zu fahren und nicht fabelhaft auszusehen. So begegnet sie Keith Richards und Mick Jagger. Sie liest den Text und ist verwundert: „Bist du sicher, dass ich das singen soll, Schatz?“

Was sie daraufhin für die Band aus England singt, ist kein Background – es ist ein Schrei. Ein Riss. Fast ein Duett.

Als Merry Clayton die Worte „rape, murder – it’s just a shot away“ singt, verschiebt sich die Perspektive. Bis dahin ist der Song eine düstere Beobachtung der Welt. Mit ihr wird er unüberhörbar weiblich. Und genau darin liegen seine Faszination.

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1969 war kein Jahr der Blumen mehr. Ein Jahr zuvor war Martin Luther King Jr. ermordet worden. Die Bürgerrechtsbewegung hatte ihr Gesicht verloren, der Vietnamkrieg eskalierte. Der Optimismus der frühen 60er war einer dunklen Ernüchterung gewichen. „Gimme Shelter“ wurde zum Soundtrack dieser Schwelle – vom Idealismus zur Desillusionierung.

Doch wer artikuliert diese Desillusionierung?

Ein weißer* Rockstar beschreibt die Gewalt der Welt. Eine Schwarze* Frau schreit sie heraus. Das ist kein Detail. Das ist Struktur. Die weibliche Stimme verschiebt die Perspektive.

Rockmusik war (und ist) ein männlich dominierter Raum. Frauen werden oft zu Musen, Groupies oder eben Backgroundsängerinnen herabgestuft. Helferinnen und Inspiration für große männliche Genies. Ihre Stimmen stützen die Hauptstimme, ohne selbst im Rampenlicht zu sein, geschweige denn als Schöpferin oder Musiktalent gesehen zu werden. Unzählige Beispiele lassen sich aufführen, in denen Frauen singen und hinter den männlichen Stars verschwinden. Von Hit the Road Jack bis Rosanna, sie alle brauchen die weibliche Stimme und doch wissen die wenigsten, wer dahinter steckt. Auch in Gimme Shelter kippt dieses Verhältnis. Claytons Stimme ist nicht Dekoration, sie ist Eskalation. Ein Pendant zu Mick Jaggers. Ihr berühmter Stimmbruch – roh, ungeschönt, fast schmerzhaft – wird zur emotionalen Spitze des Songs.

Und doch ist ihr Name nur schwer zu finden: Auf Plakaten, auf Platten und im öffentlichen Gespräch gehen der Name Merry Clayton und ihre Geschichte unter. Erzählt als Randnotiz und witzige Anekdote zum Schaffen der großen Rolling Stones.

Warum kennt fast jeder den Song, aber wenige die Sängerin?

Albumcover: Merry Clayton. 1971.

Diese Unsichtbarkeit verweist auf ein strukturelles Problem: Schwarze Frauen haben die Pop- und Rockmusik entscheidend geprägt – vom Gospel über Soul bis Rock’n’Roll – doch ihre Beiträge wurden marginalisiert oder kommerziell von weißen Künstlern geklaut. Wenn das Arbeiten als Backgroundsängerin fair wäre, würde es dann nicht auch männliche weiße Sänger geben, die im Hintergrund performen? 

Die Industrie liebte den Klang Schwarzer Stimmen, aber nicht immer die Menschen, aus denen sie kommen. Bei Sichtbarkeit geht es um finanzielle Entlohnung für Arbeit, aber auch um Denkmuster und einen Blick auf die Gesellschaft. Wenn die Schaffenskraft Schwarzer Frauen und ihr Zutun zu einem Projekt unsichtbar gemacht werden, raubt man ihnen nicht nur Geld, sondern auch einen Platz in der Gesellschaft.

Was passiert also, wenn eine Schwarze Frau Angst und Gewalt in einem weißen Rock-Universum artikuliert?

Merry Clayton ist keine Anfängerin. Sie hatte mit Ray Charles, Elvis Presley und später mit Ringo Starr, Joe Cocker, Lynyrd Skynyrd und Neil Young gearbeitet. Ihre Professionalität und ihr Talent stehen außer Frage.

Doch auch Solo veröffentlicht sie Alben, 1971, 1975, 1980 und zuletzt 2021. Sie versucht sich als Schauspielerin und sag den Song „Yes“ aus dem Dirty Dancing Soundtrack. Sie emanzipiert sich von ihrer Rolle im Hintergrund, trotzdem erhalten ihre eigenen Alben nie die gleiche Aufmerksamkeit wie ihre Arbeit im Hintergrund. Man könnte sagen, dass sie eben nicht kreativ genug gewesen wäre und deswegen keine Erfolge erzielt hätte. Doch die Musikindustrie ist ein System, das Entscheidungsgewalt darüber hat, wen sie zeigt und wen nicht. Selten hat dies ausschließlich mit Talent und harter Arbeit zu tun, es gehört auch immer Glück dazu.

Und dieses Glück liegt in den Händen weißer Männer. Es ist eine Struktur, ein System, in dem Schwarze Künstlerinnen oft als „Zulieferinnen“ eines weißen Mainstreams gesehen werden.

Die Macht über Produktion, Vermarktung und Narrative lag (und liegt heute noch) bei Produzenten, die willkürlich entscheiden können, welche*n Künstler*in sie gerne fördern möchten und welche*n nicht. Die Probleme, die die Gesellschaft mit Rassismus hat, spiegeln sich in den Strukturen der Musikindustrie wider. Die Frage ist also nicht nur: Wer singt? Sondern: Wer wird gehört? Und: Wer profitiert?

Frauenrechte im Duett eines Rockklassikers

Wenn Clayton im Studio fragt: „Bist du sicher, dass du willst, dass ich das singe, Schatz?“, dann schwingt darin mehr als Ironie. Eine schwangere Frau singt über Vergewaltigung und Mord – Begriffe, die für Frauen keine abstrakten Metaphern sind, sondern reale Bedrohungen. Ihre Stimme trägt die Erfahrung struktureller Gewalt, selbst wenn der Song sie nicht explizit thematisiert. Hier berührt Gimme Shelter Fragen, die bis heute aktuell sind:

Wer spricht über Gewalt gegen Frauen?

Wer darf sie benennen?

Und wessen Perspektive wird erzählt?

Jedes Mal, wenn Claytons Stimme erklingt, öffnet sich ein Raum, in dem weibliche und Schwarze Erfahrung nicht nur Beiwerk sind, selbst wenn die Credits es nicht immer widerspiegeln.

Wer bekommt heute die Anerkennung?

Heute wird vermehrt über „unsichtbare Arbeit“ in der Musik gesprochen. Streamingplattformen listen Backgroundvokalistinnen deutlicher auf, Dokumentationen wie „Twenty feet from stardom“ holen vergessene Stimmen ins Licht. Doch die strukturellen Fragen bleiben: Wie werden Frauen bezahlt? Wer besitzt die Rechte? Wer kontrolliert die Narrative?

Ausbeutung ist keine Praktik der Vergangenheit, auch wenn die Muster sich stetig ändern. Heute werden Schwarze Sängerinnen nicht mehr aufgenommen und schlecht bis gar nicht bezahlt und im räumlichen Hintergrund gehalten, sie werden gänzlich ersetzt und verdrängt durch KI:

Auf dem Streaming Dienst Spotify feiert die Schwarze „Sängerin“ Sienna Rose mit fast vier Millionen Hörer*innen pro Monat Erfolge. Sie „singt“ im trendigen Neo-Soul Genre und „postet“ Videos auf TikTok. Erst bei genauerem Hinsehen fällt Nutzer*innen auf, dass sowohl ihre Videos als auch Songs Ungereimtheiten haben, die nur damit zu erklären sind, dass Sienna Rose KI-generiert ist. Manche stören sich daran, anderen ist es gleich und wieder andere glauben, sie sei echt. Wie konnte eine KI in den Top-Songs von Spotify landen und erst später durch aufmerksame Nutzer*innen entlarvt werden? Wer steckt hinter „Sienna Rose“ und verdient mit den Videos und Songs Geld?

https://www.instagram.com/siennarosely

KIs lernen durch bereits bestehende Inhalte, sie errechnet Wahrscheinlichkeiten und setzt die Antwort aus unzähligen Quellen zusammen. Wenn KI nun Musik macht, braucht sie dafür bereits geschriebene und performte Musik, vielleicht auch die von Merry Clayton.

Welche Musik wurde genutzt, um „Sienna Rose“ zu erschaffen? Welche Schwarzen Frauen haben ohne Entlohnung gearbeitet, damit eine unbekannte Person damit Geld verdienen kann?

In einer Zeit der neuen technologischen Möglichkeiten und in der Diversität zum Verkaufsargument wird, stellen sich die Fragen: Wie kann die Arbeit marginalisierter Personen geschützt werden? Wird Anerkennung zur echten Umverteilung von Macht oder bleibt sie symbolisch und unbelohnt?

Was lernen wir daraus?

Musik formt Werte nicht nur durch Texte, sondern durch Strukturen. Sie zeigt, wessen Stimmen im Vordergrund stehen und wessen im Hintergrund verharren. Die Geschichte von Merry Clayton lehrt uns, dass „Background“ ein politischer Begriff ist. Dass eine Stimme die Perspektive eines ganzen Songs verschieben kann. Und dass kultureller Ruhm nicht automatisch Gerechtigkeit bedeutet. Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung von Gimme Shelter: Nicht nur, dass der Song die Angst eines Jahrzehnts einfing. Sondern dass er – bewusst oder unbewusst – hörbar machte, wie sehr Rockmusik auf den Schultern Schwarzer Frauenstimmen gebaut ist. Und dass diese Stimmen mehr sind als Echo.

Sie sind Ursprung.

*Weiß und Schwarz werden nicht als essentialistische körperliche Eigenschaften verstanden, sondern „Schwarz“ als politische Selbstbezeichnung von Menschen, die Rassismuserfahrungen machen und „weiß“ als gesellschaftliche Position mit Privilegien. Schreibweise nach Amensty International.

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Autorin: Mira Sachs

3 Comments
  • Nelly Schmidt
    Posted at 11:11h, 25 Februar Antworten

    So ein wichtiger Beitrag vielen Dank für die ausführliche Recherche und das Sichtbar machen von (schwarzen) Frauen in der Musikindustrie!

  • Christian Schmidt
    Posted at 11:11h, 25 Februar Antworten

    Das ist bereits der zweite, grandios recherchierte Beitrag der Autorin, den ich mit größtem Vergnügen lesen durfte. Ein schonungsloser Blick hinter die Kulissen und hinsichtlich der Entwicklung bezüglich KI schon fast dystopisch. Ich freue mich auf weiteres Material a la Sachs!

  • Hännes
    Posted at 11:15h, 25 Februar Antworten

    Interessante und bisher mir unbekannte Hintergrundinfos.

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