Rojava – Ökologie, Feminismus, Demokratie

Rojava ist ein Gebiet im Norden von Syrien, das aus den drei autonomen selbstverwalteten Kantonen Afrîn, Kobanê und Cizîrê besteht und hauptsächlich von Kurd*innen besiedelt ist. In unseren Nachrichten war Rojava hauptsächlich präsent, weil die Bevölkerung sich erfolgreich gegen den IS behauptet hat und wegen des Rückzugs der USA aus dem Gebiet und des direkt darauffolgenden Einmarschs der Türkei. Schade eigentlich, denn das Projekt Rojava ist in vielerlei Hinsicht revolutionär und ein Vorzeigemodell für moderne Gesellschaften.

Das Projekt Rojava

Am 21. Januar 2014 wurde in Rojava die Autonomie ausgerufen und ein demokratischer Gesellschaftsvertrag verabschiedet. Dieser bildet die verfassungsrechtliche Grundlage und basiert auf den Grundprinzipien des demokratischen Konföderalismus. Obwohl Kurd*innen den größten Anteil der Bevölkerung bilden, leben diese mit Araber*innen, Turkmen*innen, Armenier*innen und Tschetschen*innen friedlich zusammen und alle praktizieren ihren Glauben ohne Diskriminierung zu erfahren. Hinzu kommen zahlreiche Menschen auf der Flucht vor dem IS, dem syrischen Regime oder aus Nachbarstaaten. Für linke Gruppen ist nicht nur diese Friedfertigkeit in Bezug auf kulturelle, religiöse und ethnische Hintergründe interessant, sondern besonders das dort praktizierte Experiment einer direkten kommunalen Demokratie mit radikaler Ökologie und feministischer Emanzipation.

Das Weltbild hinter Rojava

Die Grundlagen der Revolution in Rojava sind Werte des Sozialismus sowie eine Verbindung von Ökologie mit radikaler Demokratie und Feminismus. Es bildet somit eine Alternative zum bestehenden System der kapitalistischen Moderne, die die Natur zerstört, Geschlechter unterdrückt und die Gesellschaften spaltet durch Nationalismus und Rassismus. Es steht die gleiche Ideologie hinter der Ausbeutung der Natur und der Unterdrückung der Frau: eine patriarchale Mentalität von Herrschaft, Hierarchie und Objektivierung. Frauen sind Männern in Rojava vollkommen gleichgestellt und essentieller Teil des politischen Lebens. Einen spannenden Beitrag dazu findet ihr hier in der Arte Mediathek.

Der Mensch im Verhältnis zur Natur

Die Menschen aus und Aktiven in Rojava sind überzeugt, dass ökologische Probleme unserer Zeit nur mit einer demokratischen Gesellschaft gelöst werden können, die auf regionalen und kollektiven Formen des Wirtschaftens beruht. Die Gesellschaft ist in Räten und Versammlungen organisiert, um bedürfnisorientiert und auf eine ökologische Weise ihre Wirtschaft zu gestalten, jenseits der Logik kapitalistischer Konkurrenz und permanentem Wachstum. So behandelt der Jineoloji (kurdisch: Wissenschaft der Frau, spezifische Form des Feminismus in Kurdistan) explizit ökologische und kollektive Formen des Wirtschaftens. Das gesellschaftliche Wissen über die Zusammenhänge der Natur soll wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückgeholt werden.

Make Rojava green again

Die Kampagne „Make Rojava green again” wurde von der Internationalistischen Kommune* ins Leben gerufen, um einen Beitrag zur ökologischen Revolution in Nordsyrien zu leisten. Sie soll eine Brücke zwischen Diskussionen, Erfahrungen und Arbeiten der Menschen in Rojava zu Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Bewegungen weltweit herstellen. Im Zentrum steht die Frage, wie eine demokratische und ökologische Gesellschaft aufgebaut werden kann. Es geht um ideologische Fragen zur Gesellschaft sowie Hintergrundinformationen über die konkrete Situation in Rojava.

*Die Internationalistische Kommune ist Teil der Selbstverwaltungsstrukturen der Autonomen Föderation Nordsyrien/Rojava. Neben der Kampagne haben Aktivist*innen außerdem eine internationalistische Akademie gegründet, in der neben politisch-kultureller Bildung auch Sprachunterricht und kollektives Leben gefördert werden.

Was wir aus Rojava für unsere Klimagerechtigkeitsbewegung lernen können

Hinter den verschiedenen Gerechtigkeitskämpfen in Rojava steht eine Ideologie, die diese verbindet. Sie skizziert eine freie Gesellschaft auf allen Ebenen und bietet so ein Ziel sowie einen Rahmen, in dem die einzelnen Kämpfe vereint sind. So können alle kleinen Schritte in ein Gesamtbild gefasst und als Weg zum langfristigen Ziel verstanden werden. Während bei uns verschiedene Bewegungen getrennt voneinander existieren oder sich sogar die Dynamiken nehmen, vereinen diese sich in Rojava zu Teilen eines großen Ganzen.

Beitragsbild von Masoud Zada auf Pixabay

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