Entwicklungspolitik und Kolonialismus? Wie gehört das zusammen?

Dies ist ein Gastbeitrag vom Verband entwicklungspolitischer Initiativen in Niedersachsen (VEN) e. V.


Menschen, die sich für globale Gerechtigkeit und für gute Lebensbedingungen weltweit einsetzen, haben oft das „hier und jetzt“ im Blick und engagieren sich in vielen Themenbereichen, auch in unserem Verband entwicklungspolitischer Initiativen in Niedersachen. Mehr und mehr Engagierte werfen aber einen kritischen, historischen Blick auf ihr Engagement und fragen sich, was der Kolonialismus mit der aktuellen Lage in der Welt zu tun hat.

Der deutsche Kolonialismus beschäftigt uns als entwicklungspolitischer Akteur schon länger. Sowohl indirekt, da unser Arbeitsfeld durch koloniale Kontinuitäten geprägt ist, als auch direkt in zahlreichen, aber einzelnen Veranstaltungen. Seit Beginn dieses Jahres haben wir uns entschlossen, die Thematik des deutschen Kolonialismus und dessen Spuren und Kontinuitäten explizit und fokussiert anzugehen. Dabei ist für uns als Verein auch der kritische Umgang mit uns selbst wichtig. Auch wenn wir uns für Themen der globalen Gerechtigkeit einsetzen und die staatliche Entwicklungspolitik kritisch begleiten, können auch wir eurozentrische Perspektiven haben und kritische Inhalte reproduzieren. Daher versuchen wir, unsere Arbeit dahingehend zu reflektieren und uns kritisch hinterfragen zu lassen. Das ist mühsam, lohnt sich aber sehr!

Wir engagieren uns aktiv in der Vernetzung von Akteur*innen, Initiativen, Vereinen und Organisationen in Norddeutschland, die sich in diesem breiten Themenfeld engagieren. Wir haben eine moderierte Mailingliste erstellt, auf der sich Interessierte gerne eintragen können. Unter diesem Link findet ihr die Liste, um eine Mail an die Vernetzung zuschreiben müsst ihr diese einfach an dekolnord@lists.riseup.net schicken. Die Liste dient dem Austausch, der Verabredung von gemeinsamen Vorhaben und der Ankündigung von Veranstaltungen.

Um für ein möglichst erweitertes Bewusstsein über die deutsche Kolonialgeschichte und deren koloniale Kontinuitäten zu sorgen, haben wir einen Online Selbstlernkurs entworfen. In diesem „Crashkurs deutsche Kolonialgeschichte“ thematisieren wir neben der staatlichen Kolonialgeschichte auch weitere Erzählungen und Verflechtungen. Hier folgt ein kleiner Überblick über die Inhalte:

Kolonialismus? Da war doch was!

Oft wird die Rolle der deutschen Kolonialzeit runtergespielt. Waren ja nur, was, 34 Jahre? Ja, das hören wir öfter. Doch welcher Staat hat bereits 13 Jahre nach seiner Gründung Kolonien erworben? Wie kann das so schnell gehen? Und überhaupt relativieren diese Vergleiche eines der grausamsten europäischen Kolonialprojekte überhaupt. Das deutsche Kolonialgebiet war auf seinem Hohepunkt das drittgrößte. Zudem verübten die Deutschen zahlreiche Völkermorde und Gräueltaten und begannen den ersten Genozid des Jahrhunderts. Was gibt es daran zu relativieren?

Deutsche Bürger (ja, meistens waren es Männer) waren seit Jahrhunderten an den imperialistischen europäischen Bestrebungen beteiligt. Sei es durch die Legitimierung des Kolonialismus, durch den „verwissenschaftlichten“ Rassismus wie bei Kant und Hegel, die durch ihre Arbeiten die Versklavung von Menschen und deren rücksichtslose Ausbeutung nicht nur duldeten, sondern förderten. Aber auch deutsche Adelshäuser waren an der Finanzierung, der Durchführung und sogar mit eigenen kolonialen Projekten aktiv am europäischen Kolonialismus und am Handel mit versklavten Menschen beteiligt. Von 1683 bis 1717 errichtete beispielsweise der Kurfürst von Brandenburg einen Stützpunkt im heutigen Ghana und beteiligte sich direkt am Handel mit versklavten Menschen. Die Fugger und Welser finanzierten den portugiesischen Versklavungshandel. Zudem erwarben die Welser selbst Anteile an Plantagen im heutigen Venezuela und wirkten somit auch in Südamerika an der Versklavungswirtschaft mit.

Doch nicht nur Adelige, auch Kaufleute waren treibende Kräfte im europäischen Imperialismus. Die Behauptung, die Rolle Deutschlands im europäischen Kolonialismus und auch in der Versklavung von Menschen sei „klein“ gewesen, ist somit nicht nur relativierend, sondern schlichtweg falsch.

Entwicklungspolitik und koloniale Kontinuitäten

In der Forschung der kritischen Post-Development-Ansätze (vgl. Ziai, Escobar, Moyo, …) wird von der Entwicklungspolitik eine historische Linie bis in die Kolonialzeit gezogen. So können die Wortpaare „entwickelt“ und „unterentwickelt“ als eine Fortsetzung von „zivilisiert“ und „unzivilisiert“ angesehen werden. Mit letzteren Begriffen wurde unter anderem die koloniale Besetzung anderer Länder legitimiert. Demzufolge gingen die „zivilisierten“ Europäer*innen in die „unzivilisierten“ Länder, um „den Anderen“ die Vorzüge der Zivilisation zu bringen. Dieses Bild findet sich bis heute bei vielen Akteur*innen in der Entwicklungspolitik (mehr oder weniger) als Leitbild wieder.

Das Mitleid, welches viele „Hilfs“-Organisationen für die Spendenwerbung verwenden, benutzten schon die christlichen Missionen in der Kolonialzeit für die Spendenwerbung. Insgesamt bedurfte die Legitimation des kolonialen Projekts eines Afrikabildes, welches die Kolonialisierung durch Europa rechtfertigte. So gab es unterschiedliche Legitimierungserzählungen – die Abschaffung der Sklaverei, die Befriedung des Kontinents oder Fortschritt und Zivilisation, all diese „Versprechen“ mündeten jedoch letztlich in der Ausbeutung und Fremdherrschaft. Gleichzeitig finden sich Versatzstücke der Koloniallegitimation bis heute im Afrikabild vieler Europäer*innen, bis hin zu höchsten politischen Amtsinhaber*innen (siehe Sarkozy) wieder.

Entwicklungspolitische Vorhaben basieren also häufig auf einem eurozentristischen und rassistischen Weltbild. Europa und die dortigen Gesellschaften und Lebensweisen wurden und werden in einer künstlichen hierarchischen Weltordnung an die Spitze gesetzt. „Die Anderen“ wurden innerhalb dieser Weltordnung rassifiziert und untergeordnet (vgl. Ziai, 2010 APuZ). Somit wird die Verbindung von Kolonialismus und Entwicklungspolitik deutlicher, wenn das rassistische Weltbild mit einbezogen wird.

Eines der wichtigsten Anliegen der Kolonialzeit war die Eroberung von Gebieten, um die dortige Bevölkerung, Natur und insbesondere die Rohstoffe auszubeuten. Die Sicherung von Zugängen zu wertvollen Rohstoffen wurde nicht nur von Unternehmen, sondern auch von der staatlichen Entwicklungspolitik fortgeführt. Zu Recht wird gefragt, warum nach Jahrzehnten der Entwicklungshilfe die ehemaligen Kolonialstaaten sich nicht „entwickelt“ haben und warum diese bis heute vor allem unverarbeitete Rohstoffe exportieren. Diese Entwicklungspolitik hat an den kolonialen Lieferketten wenig geändert und diese zum Teil stabilisiert.

In den ersten Jahrzehnten der Entwicklungspolitik ab den 1950er Jahren war die Welt geprägt durch die Systemkonkurrenz des kalten Krieges. Entkolonialisierte Staaten standen in dieser Welt oft vor der Wahl, ihre Beziehungen Richtung Osten oder Richtung Westen auszurichten. Jedoch versuchten beide Seiten weiterhin ihre Kontrolle auszuweiten und Einfluss auf die Politik der ehemaligen Kolonialstaaten auszuüben. Gleichzeitig gab es auf Seiten der ehemals kolonialisierten Staaten stets Bestrebungen sich unabhängig sowohl von den Staaten des Westens als auch vom Sowjeteinfluss zu machen. So erwuchs, noch während viele Staaten kolonialisiert waren, aus der Konferenz von Bandung die Bewegung der Blockfreien Staaten. Auf dieser Konferenz formulierten die ehemaligen und teilweise noch kolonialisierten Staaten ihre politischen Positionen und stellten sich auf höchster politischer Ebene gegen die ehemaligen Kolonialmächte und die Polarisierung des Kalten Kriegs. (Mehr dazu hier, hier und hier.)

Eines der wichtigsten Anliegen der westlichen Politik war es, sich privilegierte Zugänge zu Rohstoffen zu sichern. In einigen Fällen haben westliche Staaten aktiv verhindert, dass die Ausbeutung von wichtigen Rohstoffen gestoppt wurde. So ist die aktive Einmischung und Kontrolle bis hin zur Ermordung von afrikanischen Politiker(*innen) eine koloniale Kontinuität, von Manga Bell bis Lumumba, die bis heute zu wenig Beachtung in den westlichen Diskursen hat. (Siehe dazu hier, hier, hier und hier.)

Bis heute ist die europäische Außen- und Wirtschaftspolitik teilweise geprägt durch eine (neo-)koloniale ausbeuterische Praxis und rassistische Weltbilder. Die staatliche Entwicklungspolitik ist in diesem Kontext an vielen Stellen zu kritisieren, da sie am Erhalt der Ausbeuterischen und (neo-)kolonialen Strukturen mitbeteiligt war.

Innerhalb unserer Arbeit muss es uns ein Anspruch sein und bleiben, auch auf die Widerstände und selbstständigen Entwicklungen in den ehemaligen Kolonialstaaten zu schauen. Im Kontext einer de- oder postkolonialen Perspektive bedeutet dies, nicht die eurozentrischen Erzählungen zu wiederholen und alle Prozesse und Entwicklungen aus einer westlichen Perspektive zu bewerten. Es geht darum Perspektiven aus dem globalen Süden ernst zu nehmen und zuzuhören!

Anti-Rassistische Bildung

Thematisiert werden auch die Effekte, die die Kolonialgeschichte bis heute auf die weit verbreiteten Menschenbilder hat(te). Rassismus ist bis heute tief in der deutschen Gesellschaft verankert. Dies zeigt sich auch an den kolonialen Spuren in unseren Stadtbildern, wie der Ehrung von Massenmördern wie Carl Peters, Waldersee, von Trotha oder Wissmann durch Straßennahmen oder Statuen.

Wir wollen jedoch nicht nur die Geschichte der Täter*innen zeigen, daher werden auch exemplarisch Geschichten von Widerstandskämpfen erzählt. Denn die Kolonialzeit war nie eine friedliche, zivile oder fortschrittliche Mission. Stattdessen begingen die Deutschen zahlreiche Gräueltaten, bis hin zu Völkermord und Genozid. Dementsprechend wird in dem Crashkurs auch über Reparationsforderungen, sowohl im spezifisch deutschen als auch im globalen Kontext, informiert. Thematisiert werden zudem koloniale Kontinuitäten in verschiedenen Bereichen wie Klima, globale Mobilität oder Wirtschaft. Es geht in Europa also weiterhin um privilegierte Zugänge zu wichtigen Rohstoffen und Absatzmärkten, was sich u. a. auch an manchen Stellen in der staatlichen Entwicklungspolitik zeigt.

Es gibt in diesem Kurs also viel zu entdecken. Länger und tiefgehender als ursprünglich geplant hoffen wir, dass der Crashkurs damit sowohl Menschen anspricht, die bisher wenig Wissen zu diesem Thema haben, als auch Menschen, die ihr Wissen erweitern wollen. Dafür haben wir zahlreiche Verlinkungen eingefügt, um Menschen die Möglichkeit zu geben noch tiefer in die Materie einzusteigen.

Crashkurs deutsche Kolonialgeschichte

Quellen/Literatur

https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/postkolonialismus-und-globalgeschichte/219135/post-koloniale-entwicklungshilfe/

https://katapult-magazin.de/de/artikel/tschuldigung-herero-und-nama

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/32908/zur-kritik-des-entwicklungsdiskurses/?p=all

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/29265/deutschland-in-afrika-der-kolonialismus-und-seine-nachwirkungen/

https://www.vielfalt-mediathek.de/othering

https://www.philomag.de/artikel/kant-und-der-rassismus-0

https://taz.de/Geschichte-des-Rassismus/!5694138/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/kolonialgeschichte-der-lange-weg-zur-aufarbeitung-100.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-denken-dekolonisieren-rassismus-bei-immanuel-kant-100.html

„Rassismus, Kolonialität und Bildung“ von Elina Marmer und Papa Sow: https://www.researchgate.net/publication/282657332_Marmer_Elina_und_Papa_Sow_2015_Rassismus_Kolonialitat_und_Bildung_pp_14-25_Kapitel_11_In_Marmer_Elina_und_Papa_Sow_2015_eds_Wie_Rassismus_aus_Schulbuchern_spricht_-_Kritische_Auseinandersetzung_mit_Af

Micheal Zeuske: „Die vergessene Revolution: Haiti und Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aspekte deutscher Politik und Ökonomie in Westindien“ https://www.vr-elibrary.de/doi/10.7767/jbla.1991.28.1.285

https://zwangsarbeitkolonial.wordpress.com/die-reederei-woermann-und-ihre-rolle-im-deutschen-kolonialismus-nationalsozialismus-und-heute/

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/216485/deutsche-verwicklungen-in-den-transatlantischen-sklavenhandel/

http://www.antikolonialismus.kargah.de/

https://www.initiative-perspektivwechsel.org/projekte/ressourcenungerechtigkeit/

https://taz.de/Experte-ueber-deutsche-Entwicklungspolitik/!5789748/

Aram Ziai „Postkoloniale Perspektiven auf Entwicklung“, 2010, in Peripherie Nr. 120, S.399-426

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