Der Mythos von der Chancengleichheit: Wie K.I.Z Armut hörbar machen

3. Beitrag: Musik macht Meinung!

Wie kann ein Song unsere Welt (unerwartet) verändern? Musik bewegt, verhandelt Gefühle und spiegelt Wünsche sowie Überzeugungen wider, auf Wegen, die selten geradeaus führen. In dieser Beitragsreihe werden einzelne (Irr-)Wege nachgezeichnet und sich auf eine Spurensuche nach den Geschichten hinter Musik begeben. Der Görlitzer Park, berühmt berüchtigt und von K.I.Z als Albumtitel gewählt: Wofür steht er und was sagt K.I.Z über das Leben dort?

Was ist ein Brennpunkt?

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Vogelgezwitscher, Sonne, Frühling. Zeit, nach draußen zu gehen. Wer in der Stadt lebt, geht in den Park. Aber was, wenn dieser Park kein Ort der Erholung ist, sondern ein Brennpunkt?

Im Juni 2024 veröffentlichte das Rap-Trio K.I.Z ihr siebtes Album „Görlitzer Park“. Bekannt wurden sie durch provokante, ironische Grenzüberschreitungen in ihren Texten und Musikvideos. Sie rappen über Kannibalismus, Abtreibung, Drogen und Gewalt. Alles absurd übertrieben und doch immer mit einem Gefühl von Wahrhaftigkeit.

Tarek, Nico und Maxim lernten sich Anfang der 2000er Jahre in Berlin kennen. Alle drei haben auf unterschiedliche Weise die Härte sozialer Ungleichheit erfahren. Tarek, Sohn einer Deutschen und eines Kameruners, zog aus Spanien nach Berlin, um bei seinem Vater zu leben. Nico wuchs in Berlin- Hermsdorf auf, Maxim in Kreuzberg, einem Stadtteil, der lange als sozialer Brennpunkt galt.

Vom Park zur Parallelwelt: Armut mitten in Deutschland

„Sozialer Brennpunkt“ steht für Arbeitslosigkeit, geringe Bildungschancen, Kriminalität und Perspektivlosigkeit. Kurz: für Armut. Ein Stigma, eine Beschreibung, von einer Gegend, die im Stich gelassen wurde.

Was ist Armut?

Viele denken bei Armut an Slums, an notdürftige Hütten, dicht an dicht gebaut, als könnten sie beim nächsten Sturm zusammenbrechen. An Kinder mit großen Augen, die in Kameras blicken und um Essen bitten. An Menschen, umgeben von Müll. Oft sind diese Bilder geprägt von Vorstellungen des Globalen Südens. Sie sagen damit nicht nur etwas über Armut, sondern auch über die, die sie sich so vorstellen.

Die OECD definiert Armut1 als die Unfähigkeit, grundlegende Bedürfnisse zu befriedigen: Zugang zu Nahrung, Bildung, Gesundheitsversorgung, Sicherheit und gesellschaftlicher Teilhabe. Dabei wird zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden. Absolute Armut bedeutet, dass ein Mensch seine existenziellen Bedürfnisse nicht decken kann. Relative Armut beschreibt hingegen ein Leben, das im Vergleich zur jeweiligen Gesellschaft deutlich benachteiligt ist.

Armut ist also kein fernes Problem. Sie existiert auch hier.

2025 waren 16,1 Prozent der Menschen in Deutschland von Armut bedroht, mehr als 13 Millionen. Besonders betroffen sind Kinder, Alleinerziehende und Rentner*innen. Die viel zitierte „Geburtenlotterie“ ist keine Metapher, sondern Realität.

Und wer in dieser Lotterie verloren  hat, der wohnt zur falschen Zeit am falschen Ort. Von einer falschen Zeit und einem falschen Ort rappen K.I.Z auf ihrem neuen Album.

Leben im Görlitzer Park

Görlitzer Park. Bildquelle: Unsplash.

Sie erzählen von einem alten Mann, der Pfand sammelt. Von einem Geflüchteten, der im Park mit Drogen dealt. Von einer obdachlosen Frau. Ihre Songs zeigen Perspektiven, die im Alltag der Menschen, die nicht von Armut betroffen sind, oft unsichtbar bleiben. Sie sprechen von Flucht, von Druck Geld zu verdienen, von Rassismus und struktureller Ungleichheit.

Der Görlitzer Park wird dabei zum Symbol: Für die einen ist er ein Ort der Erholung, für andere ein Ort des Überlebens. Ein Raum, in dem sich gesellschaftliche Widersprüche verdichten.

Geburtenlotterie statt Chancengleichheit

Oft heißt es: In Deutschland müsse niemand obdachlos sein. Ja, wenn man nur hart arbeiten würde, dann würde man es auch zu was bringen. In Deutschland hätten alle die gleichen Chancen, man müsse sie halt nur richtig nutzen.

All das sind Aussagen, die in einer Debatte über Armut, so scheint es, irgendwann fallen. Der Gedanke ist: Wer arm ist, hat nicht genug gearbeitet, war nicht diszipliniert, schlau oder anständig und hat es deswegen verdient arm zu sein. Diese Schlussfolgerung ist in vielerlei Hinsicht praktisch, denn wer das glaubt, kann sich zurücklehnen und die Füße hochlegen. Denn die Verantwortung liegt bei jedem einzelnen, die Politik ist fein raus und als wohlhabende*r Bürger*in habe ich es auch gut, denn ich muss an meinem Leben nichts ändern. Doch diese Erzählung greift zu kurz. Sie individualisiert ein strukturelles Problem.

Die Realität ist komplexer

Zahlreiche Studien zeigen2, dass Bildungschancen stark vom Elternhaus abhängen. Vermögen wird in Deutschland überwiegend vererbt. Soziale Mobilität ist begrenzt. Die Startbedingungen sind ungleich verteilt. Armut ist ein Problem der Gesellschaft. Wie oft müssen das Studien, Forscher*innen und Wissenschaftler*innen noch beweisen?

Die Corona-Pandemie3 zum Beispiel traf Menschen nicht aus allen Schichten gleich stark, sondern am stärksten die, die ohnehin schon wenig hatten: Geringverdienende, meist Alleinerziehende und Rentner, Selbstständige und Menschen mit Migrationshintergrund. Die Armut unter Kindern und Jugendlichen erreichte zur Coronazeit einen Höchststand. Zur gleichen Zeit verdoppelte sich das Vermögen der zehn reichsten Milliardäre. Das hat nichts mit harter Arbeit zu tun, sondern mit Gesetzen und Politik.

Ein Blatt Papier und die Superreichen

Die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas erklärt die Ungleichheit anhand eines Din A4-Blattes:

1 Zentimeter auf einem Din A4-Blatt symbolisiert 50.000 Euro. Die meisten Deutschen, 99 %, könnten auf diesem Blatt einen Punkt setzen, der zeigt, wie viel Vermögen sie besitzen. Eine Person mit durchschnittlichem Einkommen wäre auf dem unteren Zentimeter. Eine Person, die ein Haus gekauft hat und besser verdient, im mittleren Bereich des Blattes. Doch wo machen die reichsten Deutschen ihren Punkt? Wie weit über dem Blatt Papier befinden sich die Superreichen?

Die reichsten Deutschen würden ihren Punkt 10 Kilometer über dem Blatt Papier machen. Das entspricht der Höhe, auf der Flugzeuge fliegen.

Zwei Flugzeuge. Bildquelle: Unsplash.

Was verbindet Menschen, die aus dieser Perspektive auf die Welt blicken, mit denen, die unten stehen und nur noch die Kondensstreifen sehen?

Was sagt K.I.Z?

Diese Frage stellen auch K.I.Z. Schon 2015 rappten sie:
„Denkt ihr, die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen / Mit dem großen Traum, im Park Drogen zu dealen?“

Ihre Musik entlarvt einfache Antworten. Sie zeigt, wie schnell gesellschaftliche Debatten kippen  und wie aus strukturellen Problemen moralische Urteile werden. Auf „Görlitzer Park“ tritt die Ironie dabei stellenweise in den Hintergrund. Die Perspektiven wirken direkter, ernster, fast schon dokumentarisch.

Dabei bleibt ihr Stil erkennbar. Er hat sich nicht grundlegend verändert, sondern erweitert. Neben Provokation tritt mehr Nachdenklichkeit, neben Überzeichnung mehr Realität.

K.I.Z liefern keine politischen Programme. Aber sie zwingen dazu, hinzusehen. Sie machen hörbar, was oft ausgeblendet wird. Und genau darin liegt ihre Wirkung: Musik ist hier nicht nur Unterhaltung, sondern ein Mittel, gesellschaftliche Wirklichkeit sichtbar zu machen und damit auch Meinung zu verändern.

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  1. https://www.bmz.de/de/service/lexikon/armut-14038 ↩︎
  2. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/06/PD24_N031_21_12.html ↩︎
  3. https://www.zdfheute.de/panorama/millionaere-einkommen-reiche-wohlstand-100.html ↩︎

Autorin: Mira Sachs

Titelbild Bilquelle: Discogs.

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2 Comments
  • Karin Beck
    Posted at 15:29h, 24 März Antworten

    Erneut ein fundierter Blick auf einen Teil der Gesellschaft, auf den niemand gerne schaut, umso wichtiger ist dieser schonungslose Bericht von Mira Sachs der uns dazu bringt, genauer hinzuschauen und Strukturen der Gesellschaft zu hinterfragen.
    Chapeau und Danke dafür, dass du genau hinschaust und Missstände ansprichst, wo die Mehrheit lieber wegschauen will, bitte weiter so!

  • Christian Schmidt
    Posted at 16:36h, 24 März Antworten

    Und da ist sie wieder, die Wut auf das System!
    Und da ist der Reminder, wie wichtig Musik als politisch informierendes Medium ist.
    Auch wenn des Genre, dem K.I.Z. entstammen, bei meiner Person musikalisch nicht zu 100% die richtige Zielgruppe erreicht (in meiner Brust schlägt ein Herz aus Schwermetall), die Thematik tut’s dafür um ein Vielfaches und macht dann auch solche Bands für mich interessant.
    Und es ist trotz der Schwere der Inhalte, mit der sich die Musik von K.I.Z. befasst, geradezu erfrischend und hoffnungsstiftend, dass es immer noch Musiker gibt, denen es wichtig ist ihre Musik mit sinnvollem Inhalt zu füllen, anstatt mit hohler, dumpfer Bumm-Bumm-Tralala-Mucke das große Geld scheffeln zu wollen. Und dass zwischen den Zeilen immer wieder gefragt wird, wie oft sich die Geschichte wiederholen muss, bis ein Umdenken stattfindet.
    Danke und Lob an die Autorin, für diesen großartig geschriebenen, wichtigen Beitrag.

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