Catcallsofmainz

Catcallsofmainz: Mit Kreide gegen Sexismus

Catcalling: Das sind übergriffige und sexuell anzügliche verbale Angriffe, die meist von Männern in der Öffentlichkeit begangen werden. Die Kommentare beziehen sich oft auf den Körper von Frauen*, beinhalten eine Aufforderung zum Sex oder sind auf andere Weise unangemessen. So gut wie jede weiblich gelesene Person hat schon einmal Erfahrung damit machen müssen – zurück bleibt mindestens ein unangenehmes Gefühl, oft auch Angst oder Ekel. Was die Catcalls gemeinsam haben, ist die Ausübung von Macht. Durch die ungewollte Konfrontation stellen sich die Täter*innen über die Betroffenen und nehmen diesen auch eine Möglichkeit zur Reaktion.

Was soll man auch auf „Ey du Geile, Bock zu ficken?“ antworten?

Ankreiden der verbalen Angriffe

In immer mehr Städten bilden sich seit neustem Gruppen, die diese Sprüche ankreiden – und zwar wortwörtlich. Nach dem Vorbild der „catcallsofnewyork“ haben sich seit März 2020 auch in Mainz einige Menschen zusammengetan und schreiben die verbale sexuelle Belästigung mit Kreide auf den Boden. Über den Instagram-Account @catcallsofmainz oder die E-Mail-Adresse catcallsofmainz@gmx.de können Betroffene ihre Erlebnisse schildern, welche von den Aktivistinnen dann anonymisiert veröffentlicht und an dem Ort in der Stadt angekreidet werden, an dem sie stattgefunden haben. Auf diese Weise wird einerseits Betroffenen eine Plattform geboten, auf der sie ihre Erlebnisse mitteilen können, andererseits wird hoffentlich ein Bewusstsein in der Bevölkerung für diese Art der Belästigung geschaffen. Inzwischen gibt es auch in Frankfurt, Offenbach, Darmstadt und Wiesbaden Catcalling-Gruppen.

Interview mit Melina von Catcallsofmainz

Melina ist Teil der Mainzer Catcalling-Gruppe. Nach einem Beitrag des SWR über ihren Aktivismus musste sie selbst erleben, wie tief Sexismus und sexuelle Belästigung immer noch in der Gesellschaft verankert sind. Willst du kurz nochmal erzählen, was dir passiert ist?

Melina: Nachdem ich als Teil der Gruppe in einem Beitrag des SWR über die Catcallsofmainz gezeigt wurde, wurde von einem anonymen Account ein Bild von mir hochgeladen auf dem ich freizügig gekleidet bin. Es wurde sich darunter darüber lustig gemacht, dass ich sexuell belästigt wurde. Es war so ein bisschen nach dem Motto „Ist ja klar, dass die sexuell belästigt wird, wenn die sich so anzieht“. Das Foto stand auch in direktem Bezug zum SWR-Beitrag. Dann habe ich das bei Instagram gemeldet, das wurde dann auch irgendwann gelöscht. Ich habe es auch bei der Polizei angezeigt.

Viele Kommentare beschweren sich bei Beiträgen über Catcalling auch immer wieder, dass „man ja jetzt gar nichts mehr sagen dürfe“ und dass das ja nur Komplimente seien. Was erwidert man darauf?

Melina: Mit einem Kompliment möchte man ja jemandem was Gutes tun und man möchte, dass die Person sich gut fühlt. Wenn man auf der Straße jemandem was hinterherruft, ist das ja vor allem, weil die Person irgendwo Macht demonstrieren will. Sie macht das halt einfach, weil sie es kann und weil sie Bock darauf hat und nicht, weil sie möchte, dass die Person, der sie das hinterherruft, sich gut fühlt. Außerdem spürt eigentlich jeder Mensch, was ein tatsächliches Kompliment ist und was darüber hinausschießt. Es kommt eben immer darauf an, wie sagt man etwas, wie ist die Situation zwischen den Personen, in welchem Kontext wird etwas gesagt, hat die Person die Möglichkeit zu reagieren. Der Ton, Gestik, Mimik: Alles spielt eine Rolle.

Der Account ist in der kurzen Zeit unglaublich gewachsen und hat jetzt schon knapp 6.000 Follower*innen. Wie viele Nachrichten von Betroffenen bekommt ihr täglich?

Melina: Wir bekommen inzwischen so fünf bis zehn Nachrichten täglich. Wir haben den Anspruch, auf alle Nachrichten zu antworten. Es kann allerdings dauern bis wir die Nachrichten ankreiden, weil wir eben so viele bekommen. Außerdem kostet es uns auch selbst Kraft, auf manche Nachrichten zu antworten. Wir bekommen auch Nachrichten, in denen Personen Missbrauch und körperliche sexuelle Übergriffe schildern. Die können wir nicht einfach so auf die Straße kreiden, weil das Betroffene eben auch triggern kann. Im Moment überlegen wir noch, wie wir damit umgehen.

Habt ihr noch weitere Aktionen geplant?

Melina: Wir möchten Themenwochen bei Instagram gestalten und zum Beispiel auf sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz aufmerksam machen, weil wir auch dazu viele Nachrichten erhalten. Belästigungen im Internet leiten wir an die Instagram Seite @antiflirting2 weiter.

Denkst du, dass die Gesellschaft langsam beginnt, diese Art von sexueller Belästigung ernst zu nehmen?

Melina: Ich glaube, dass das Thema an sich gerade viel Aufmerksamkeit erfährt, die natürlich auch noch mehr sein könnte. Aber es ist noch lange kein Rückgang an sexueller Belästigung zu beobachten. Trotzdem sind aufgrund unseres Accounts schon viele Diskussionen zustande gekommen, auch im Bekannten- und Freundeskreis. Wir hoffen, dass durch die Catcalling Petition, die bereits das Quorum von 50.000 Stimmen überschritten hat, die Politiker*innen dazu gezwungen werden, das Thema ernst zu nehmen.

Was kann man dagegen tun?

Die Petition „Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein“ kann man unter https://www.openpetition.de/petition/online/es-ist-2020-catcalling-sollte-strafbar-sein unterschreiben. Die Aktivistinnen kann man unterstützen, indem man dem Account @catcallsofmainz folgt und vor allem im eigenen Umfeld weiter Awareness für dieses Thema schafft. Den Beitrag des SWR zu den Catcallsofmainz findet ihr hier: https://www.swrfernsehen.de/landesschau-rp/wie-die-catcallsofmainz-sexuelle-belaestigungen-anprangern-100.html.

-Marlene-

 

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