Allergie in der Stadt – Wie Klimawandel, Stadtbäume und Botanischer Sexismus mit Pollenallergien zusammenhängen

Stadtbäume gelten als unverzichtbar im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels. Sie kühlen überhitzte Straßen, spenden Schatten, speichern CO₂ und machen Städte lebenswerter. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Menschen mit Pollenallergien zu. Rund fünfzehn Prozent der Deutschen leiden unter Heuschnupfen, womit Heuschnupfen in Deutschland zu den häufigsten allergischen Erkrankungen zählt. Wie passt das zusammen? Neben dem Klimawandel rückt dabei ein weiterer Faktor in den Blick: Die Auswahl der Bäume, die unsere Städte prägen – und der damit verbundene Begriff des sogenannten Botanischen Sexismus. Was es damit auf sich hat, wird in diesem Beitrag erklärt.

Klimawandel als Verstärker der Pollenbelastung

Dass immer mehr Menschen unter Pollenallergien leiden, hat verschiedene Ursachen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Klimawandel. Mildere Winter und steigende Durchschnittstemperaturen führen dazu, dass viele Pflanzen früher blühen und die Pollensaison länger andauert. Gleichzeitig können höhere CO₂-Konzentrationen in der Luft dafür sorgen, dass viele Pflanzen besser wachsen und so größere Mengen an Pollen produzieren.

Bäume in der Stadt Vogelperspektive

In Städten verstärkt der sogenannte Wärmeinseleffekt (UHI, urban heat island) diese Entwicklungen zusätzlich. Durch gepflasterte Straßen, Asphaltflächen und dichte Gebäudeformationen steigen die Temperaturen in urbanen Gebieten signifikant höher als im Umland. Dies wirkt wie ein lokaler Klimawandel-Beschleuniger. Hitze und Trockenheit stressen die Pflanzen zusätzlich und führen so teilweise zu aggressiveren Pollen. Hinzu kommt, dass die städtische Luftverschmutzung das Problem zusätzlich verstärkt. Luftschadstoffe wie Feinstaub, Ozon oder Stickstoffdioxid können die allergene Wirkung von Pollen verstärken.

Auch die Ausbreitung wärmeliebender und invasiver Pflanzenarten wie der Ambrosia wird durch den Klimawandel begünstigt. Diese ursprünglich aus Nordamerika stammende und eingeschleppte Pflanze gilt als besonders allergen. Bereits geringe Pollenkonzentrationen können starke allergische Reaktionen auslösen.

Neben diesen klimatischen Veränderungen beeinflusst jedoch auch die Gestaltung des städtischen Grüns, wie stark Menschen Pollen ausgesetzt sind. Dabei spielt nicht nur die Wahl bestimmter Baumarten eine Rolle, sondern auch die Frage, welche Exemplare dieser Art gepflanzt werden.

Warum die Baumwahl eine Rolle spielt

Männliche Blütenstände (Kätzchen)

Um zu verstehen, warum die Baumwahl einen Einfluss auf die Pollenbelastung in Städten hat, muss man zuerst verstehen, wie sich Bäume fortpflanzen. Nicht alle Baumarten vermehren sich auf dieselbe Weise. Diese biologischen Unterschiede spielen auch für die Pollenbelastung eine Rolle. Man unterscheidet zwischen zwittrigen, einhäusigen und zweihäusigen Baumarten:

Zwittrige Arten besitzen Blüten, die sowohl männliche als auch weibliche Fortpflanzungsorgane enthalten. Dazu zählen die meisten Obstbäume wie Apfel, Kirsche, Pflaume oder Magnolien. Einhäusige Baumarten, wozu Eiche, Buche, Haselnuss oder Birke zählen, tragen sowohl männliche als auch weibliche Blüten auf einem Baum. Zweihäusige Arten bilden dagegen getrennt männliche und weibliche Individuen. Während weibliche Bäume Früchte und Samen entwickeln, produzieren männliche Bäume ausschließlich Pollen. Zu zweihäusigen Baumarten zählen unter anderem Weiden, Pappeln, Espen, Eschen, Maulbeeren und Pfefferbäume. Diese zweihäusigen Arten sind für Pollenallergiker*innen besonders problematisch. Warum vor allem in Städten trotzdem männliche Bäume bevorzugt werden, beschreibt der Begriff des Botanischen Sexismus.

Botanischer Sexismus

Pollenflug

Geprägt wurde der Begriff des „Botanischen Sexismus“ maßgeblich von dem US-amerikanischen Gartenbauexperten Thomas Ogren. Er beschreibt damit eine jahrzehntelange Praxis in der Stadtplanung, bei der gezielt männliche Bäume bevorzugt wurden. Der Grund für diese Auswahl ist rein ökonomischer Natur: Männliche Bäume produzieren weder Früchte noch Samen, was den Reinigungsaufwand auf Gehwegen minimiert. Das gezielte Pflanzen und Klonen primär männlicher Bäume führt allerdings zu einem allergologischen Ungleichgewicht. Da männliche Bäume Pollen an die Luft abgeben, weibliche Bäume und Blüten jedoch fehlen, kommt es zu einer höheren Pollenbelastung an bestimmten Standorten. Viele der in Städten bevorzugten zweihäusigen Arten (wie Eschen oder Pappeln) setzen auf Windbestäubung. Ihr Pollen ist besonders klein und leicht, um weite Strecken zurückzulegen, was ihn tief in die menschliche Lunge eindringen lässt.

In der Wissenschaft wird die Tragweite des botanischen Sexismus differenziert betrachtet. Auch wenn laut Kritikern lediglich fünf Prozent der Baumarten weltweit zweihäusig sind, bleibt das Risiko der Nähe-Allergie bestehen. Wenn hochallergene männliche Bäume (z. B. von der Esche, Pappel oder Weide) in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten oder Schulen gepflanzt werden, entstehen lokale Pollenbelastungen, die weit über den regionalen Durchschnittswerten liegen können.

Artenvielfalt als zusätzlicher Faktor

Gleichzeitig sind viele der häufigsten Pollenproduzenten in deutschen Städten, wie Birken oder Haselsträucher, einhäusig. Die zunehmende Pollenbelastung lässt sich daher nicht allein durch den Botanischen Sexismus erklären. Neben der Geschlechterverteilung der Bäume spielt die generelle Artenvielfalt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit. In Deutschland sind nur wenige Pflanzenarten für etwa 90 Prozent der Pollenallergien verantwortlich. Wenn Städte auf Monokulturen setzen – wie etwa die häufige Anpflanzung der Birke aufgrund ihrer optischen Vorzüge und geringen Standortansprüche –, steigt das Risiko, allergische Reaktionen gegen diese Pollen zu entwickeln. Eine hohe Biodiversität sorgt hingegen dafür, dass die Konzentration einzelner hochallergener Pollenarten verdünnt wird.

Artenreicher Baumbestand in einer Grünanlage

Festzuhalten ist, dass sowohl der Klimawandel mit seinen vielfältigen Folgen als auch die Auswahl der in Städten gepflanzten Bäume die Pollenbelastung und damit allergische Beschwerden beeinflussen können.

Allergiesymptome

Neben den klassischen Symptomen wie Heuschnupfen oder allergischem Asthma tritt auch das Orale Allergie-Syndrom (OAS) häufiger auf. Schätzungen zufolge entwickeln etwa die Hälfte aller Menschen mit einer Birkenpollenallergie auch allergische Reaktionen auf bestimmte Obst- und Gemüsesorten. Ursache dafür sind sogenannte Kreuzreaktionen: Die Proteine beispielsweise in Äpfeln, Kirschen oder Haselnüssen ähneln den Allergenen der Birkenpollen so stark, dass das Immunsystem sie verwechselt. Dies kann zu allergischen Reaktionen im Mund- und Rachenraum führen.

Diese Zusammenhänge zeigen, welche oft unterschätzten gesundheitlichen Folgen der Klimawandel mit sich bringen kann und wie eng menschliche Entscheidungen in der Stadtplanung mit der individuellen Lebensqualität verknüpft sind.

Was bedeutet das für die Stadtplanung?

Für eine klimaresiliente und gesunde Stadt reicht es deshalb nicht aus, möglichst viele Bäume zu pflanzen. Entscheidend ist auch, welche Arten gewählt werden und wie vielfältig die Stadtbegrünung ist. Ziel sollte es dabei sein, klimaresistente Baumarten zu pflanzen, auf eine große Artenvielfalt zu achten und allergenarme Arten zu bevorzugen sowie bei zweihäusigen Arten eine ausgewogene Geschlechterverteilung zu berücksichtigen und so die Biodiversität zu fördern.

Eine vielfältige Bepflanzung macht Städte nicht nur widerstandsfähiger gegenüber Hitze, Trockenheit und Schädlingen, sondern kann auch dazu beitragen, die Belastung durch einzelne stark allergene Arten zu verringern.

Stadtbäume sind und bleiben ein zentraler Bestandteil klimaangepasster Städte. Die steigende Pollenbelastung zeigt jedoch, dass auch die Auswahl der Baumarten Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensqualität haben kann. Klimaanpassung, Biodiversität und Gesundheitsvorsorge sollten deshalb gemeinsam gedacht werden. Dabei sollte nicht die Frage „Brauchen wir Stadtbäume?“, sondern die Frage „Welche Stadtbäume brauchen wir?“ im Mittelpunkt stehen.

Bäume in Wiesbaden

Alisha Weiss


Titelbild: Foto von Miles Chang auf Unsplash

Bäume in der Stadt Vogelperspektive: Foto von Erik Mclean auf Unsplash

Männliche Blütenstände (Kätzchen):Foto von Maria Hossmar auf Unsplash

Pollenflug Foto von Philipp Deus auf Unsplash

Artenreicher Baumbestand in einer Grünanlage; Foto von Sophie N auf Unsplash

Allergiesymptome: Image by Mojpe from Pixaby

Bäume in Wiesbaden: Alisha Weiss

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