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Europas fehlende Solidarität mit afghanischen Frauen und Kindern

Am 23. Juni 2026 führte die EU-Kommission in Brüssel erstmals Gespräche mit einer Taliban-Delegation aus Afghanistan. Inhaltliche Schwerpunkte waren der Abschiebungsprozess von afghanischen Staatsangehörigen sowie der Einsatz von Taliban-Diplomaten in Europa. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen verurteilen die Gespräche mit den Taliban auf EU-Ebene. Eve Geddie, Sprecherin von Amnesty International, bezeichnet das Vorgehen der EU und die Planung des Abschiebungsprozesses als „unfassbar“.

Auch die internationale Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES e. V. veröffentlichte  am 04. Juni 2026 eine Stellungnahme zur Situation in Afghanistan. Darin betont sie: „Das Verhalten der EU und Deutschland ist heuchlerisch: Gespräche mit den Taliban sind inakzeptabel.“ Die Organisation appelliert an die Europäische Union und die Bundesregierung, die Gespräche mit den Taliban zu beenden. Während die Taliban einen „würdevollen Rückkehrprozess“ anstreben und die EU von einer „technischen Ebene“ des Austausches spricht, nehmen die Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan weiterhin zu. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat angekündigt, künftig rund drei Charterflüge pro Monat nach Afghanistan durchführen zu lassen.

Das Leiden der Afghaninnen

Seit fünf Jahren unterwerfen die Taliban nun die Menschen in Afghanistan. Nach ihrer Blitzoffensive im Jahr 2021 wurden die Rechte von Frauen und Kindern schrittweise und fortlaufend eingeschränkt. Neben der systematischen Entrechtung gehören auch Unterdrückung und Gewalt zum Alltag vieler Afghaninnen.

Während TERRE DES FEMMES e. V. das Regime eine „Gender-Apartheid“ nennt, spricht Volker Türk, der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, von einem „Friedhof der Menschenrechte“. Seit Dezember 2022 haben Frauen und Mädchen keinen Zugang mehr zu weiterführenden Schulen oder Universitäten. Berufstätige Frauen dürfen in vielen Bereichen nicht mehr arbeiten. Dadurch hat sich nicht nur die Abhängigkeit von männlichen Familienmitgliedern verstärkt, sondern auch die prekäre Lebenssituation vieler Frauen in Armut verschärft. In der Öffentlichkeit dürfen sich Frauen nur in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds bewegen. Ihre Körper müssen dabei vollständig verhüllt sein. Verstöße gegen diese Vorschriften werden von der Sittenpolizei geahndet. Auch auf institutioneller Ebene werden Frauen strukturell diskriminiert, beispielsweise in der medizinischen Versorgung, beim Zugang zum Rechtsschutz oder bei der humanitären Hilfe.

Das widersprüchliche Verhalten der EU

Nachdem im Januar 2026 das neue Strafgesetzbuch der Taliban in Kraft trat und die Gleichheit der Geschlechter vor dem Gesetz abgeschafft wurde, ist häusliche Gewalt faktisch legalisiert. Dadurch besteht nicht nur das Risiko der steigenden geschlechtsspezifischen Gewalt, sondern auch die Gefahr einer Zunahme von Kinderehen. Am 14. Mai 2026 erließen die De-facto-Behörden der Taliban zudem das Dekret Nr. 18. Dieses macht es Frauen und Mädchen nahezu  unmöglich, eine zuvor eingegangene Ehe aufzulösen. Darüber hinaus wurde mit dem Dekret das Mindestheiratsalter abgeschafft. Außerdem gilt das Schweigen eines Mädchens damit als Zustimmung zu einer arrangierten Ehe.

Vor diesem Hintergrund scheint es absurd und widersprüchlich, dass Kinderehen in Afghanistan gesetzlich erlaubt und Zwangsehen gesetzlich zementiert worden sind, während die Bundesregierung von einem Austausch auf „technischer Ebene“ spricht. Zwar erkennt Deutschland die Taliban nicht offiziell als Regierung an, verwendet jedoch trotzdem neutrale Begrifflichkeiten, um Rückführungen von vermeintlichen „Straftätern“ sowie von Asylsuchenden nach Afghanistan schneller und in größerem Umfang zu ermöglichen.

Forderungen nach Solidarität und Werten

Bei dem Treffen in Brüssel waren unter anderem künftige konsularische Dienstleistungen für afghanische Staatsangehörige im EU-Raum ein Thema. Dabei ging es um die Entsendung von Taliban-Vertretern als Diplomaten an afghanische Botschaften. So sollen bis zu vier weitere Taliban-Diplomaten in der afghanischen Botschaft in Deutschland tätig werden.

Diese De-facto-Legitimierung blendet das Leiden der Frauen und Kinder aus, die in dem afghanischen Regime systematische Diskriminierung und strukturelle Gewalt erfahren. Verhandlungen mit Verantwortlichen für schwere Menschenrechtsverletzungen werfen die Frage auf, warum die Bundesregierung bei als Straftäter eingestuften Personen plötzlich einen Gerechtigkeitssinn entwickelt, während sie zugleich Gespräche mit einer Gruppe führt, gegen deren Anführer der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle aufgrund von Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlassen hat.

Auch das Vorgehen der Europäischen Union wirkt aus Sicht von Menschenrechtsorganisationen angesichts ihrer eigenen Werte inkonsequent und widersprüchlich. Im Artikel 2 des Vertrages über die Europäische Union steht die Achtung der Menschenwürde, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit im Vordergrund. Mit den Gesprächen werden nicht nur diese Werte verraten, sondern sie sorgen auch dafür, dass die Taliban internationale Anerkennung bekommen. Die Berücksichtigung von Menschenrechtsverletzungen scheint bei den politischen Entscheidungen der Europäischen Union zweitrangig zu sein.

Die Organisation TERRE DES FEMMES e. V. fordert deshalb einen sofortigen Stopp der Gespräche sowie der Abschiebungen nach Afghanistan. Die Organisation weist darauf hin, dass Abschiebungen in ein Land, in dem Frauen und Mädchen systematisch verfolgt werden, ein Verstoß gegen das Völkerrecht darstellt. Darüber hinaus fordert sie Verschärfungen von Sanktionen und Einreiseverboten. Sie setzt sich für die Unterstützung von afghanischen Frauen und Mädchen ein, unter anderem durch Schutzprogramme und finanzielle Unterstützung, und verlangt eine glaubwürdige sowie konsequente Menschenrechtspolitik seitens der Europäischen Union.

Kim Tadday


Bild von Amber Clay auf Pixabay

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