23 Juni 2026 Die Fußball-WM der Männer 2026: Zwischen nationaler Identität und globaler Ungleichheit
Im Jahr 1930 wurde die erste Fußball-Weltmeisterschaft der Männer ins Leben gerufen. Seitdem findet sie alle vier Jahre an wechselnden Austragungsorten statt. Ziel des prominenten Sportereignisses ist es, sich als Nationalmannschaft gegen die gegnerischen Mannschaften zu beweisen. Die Aufgabe der Fans beschränkt sich auf die Aufrechterhaltung der Fankultur, samt Merchandise und Jubelrufen.
Der nationale Fußballwahn
Im Sinne der nationalen Solidarität und Identifikation mit dem „eigenen“ Land werden zahlreiche verschiedene Produkte produziert und vermarktet. Es wirkt, als befinde sich die ganze Nation im Fußballfieber: vom Schwenken schwarz-gold-roter Schals beim Public Viewing über den Verzehr des speziellen „Deutschland-Burgers“ einer großen Fast-Food-Kette bis hin zum ständig gespielten Hit „Zeit, dass sich was dreht“ von Herbert Grönemeyer und Soho Bani. Fanartikel erstrecken sich über alle möglichen Branchen. Unternehmen nutzen diese Zeit der vermeintlichen Zugehörigkeit sehr bewusst für Marketingstrategien.
Doch lenken der ganze Schein und der WM-Trubel häufig von den prekären Lebensrealitäten der Menschen hinter dem System ab. Nichtregierungsorganisationen machen schon seit Jahren auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Spätestens seit der WM in Katar 2022 steht die FIFA verstärkt wegen menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, wie etwa beim Bau von Stadien, in der Kritik.
Was man hört, wenn die Jubelgesänge leiser werden
Auch die 23. Fußball-Weltmeisterschaft, die vom 11. Juni bis zum 19. Juli in Kanada, Mexiko und den USA stattfindet, wirft Fragen zu Nachhaltigkeit und globaler Ungleichheit auf. Neben durchschnittlichen Ticketpreisen von knapp 500 Euro trägt die Erweiterung der Teilnehmerzahl von 32 auf 48 dazu bei, dass das Turnier in 16 Städten mit insgesamt 104 Spielen ausgetragen wird. Die großen Distanzen zwischen den Spielorten werden aufgrund der zu erwartenden klimaschädlichen Auswirkungen kritisiert.
Hinzu kommen die politischen Maßnahmen der Gastgeberländer. Einreiseverbote und Visa-Sperren seitens der US-Regierung verhinderten beispielsweise, dass FIFA-Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia, trotz eines Visums und Diplomatenpasses, nicht einreisen durfte. Dieser medial bekannte Fall kann stellvertretend für die restriktive Einreisepolitik des Landes betrachtet werden.
Laut Amnesty International wurden im Jahr 2025 eine halbe Million Menschen aus den USA abgeschoben. Zwischen Januar 2025 und März 2026 starben zudem 43 Personen in Gewahrsam der US-Einwanderungsbehörde ICE. Während also drei Viertel der WM-Spiele in den USA stattfinden, stürmen die US-Einwanderungsbehörden ICE und CBP Wohnungen ohne Haftbefehl und verhaften willkürlich Menschen auf offener Straße. Einreiseverbote betreffen außerdem Fans von vier qualifizierten Nationen: Senegal, Iran, Haiti und Côte d’Ivoire.
Alle vier Jahre wieder
Diese surreale Dualität eines Events, das eigentlich für Weltoffenheit und Miteinander stehen sollte, lässt sich auch in Mexiko und Kanada beobachten. Während Mexiko für das Turnier 100.000 Sicherheitskräfte, darunter 20.000 Soldatinnen und Soldaten, mobilisiert, verschwinden weiterhin massenhaft Menschen aufgrund der Gewalt organisierter Kartelle, korrupter Behörden und der fortschreitenden Militarisierung. Die 59 verzeichneten Transfemizide in Mexiko im Jahr 2024 verdeutlichen zudem die Gefahren, denen die LGBTI-Community ausgesetzt ist.
Kanada hingegen gerät wegen sozialer Verdrängungsprozesse in Kritik. Die Tatsache, dass Obdachlose um ihre Existenz fürchten, basiert auf den zuvor durchgeführten „Street Sweeps“ (Straßensäuberungen). Diese wurden bereits bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver angewendet, um das Stadtbild positiver erscheinen zu lassen.
Insgesamt lässt sich also festhalten, dass auch die Weltmeisterschaft 2026 und besonders die Monopolstellung des Weltfußballverbands FIFA Auswirkungen auf die Lebensrealitäten von vielen Menschen und die Umwelt haben werden. Auch dieses Jahr wird deutlich: Fußball ist eine politische Angelegenheit, auch wenn große Verbände das Gegenteil behaupten. Allein die Auswahl der Austragungsorte beeinflusst Entscheidungen der nationalen Politik. Daher stellt sich die Frage, wie man internationalen Fußball nachhaltiger gestalten und globaler Ungleichheit entgegenwirken kann.
Nachhaltige Kampagne #sporthandeltfair
Unter dem Motto „Sport handelt fair“ haben sich verschiedene NGOs, Sportvereine und Kommunen zusammengeschlossen, die sich bundesweit für Themen wie Sport, Fairen Handel und Nachhaltigkeit einsetzen. Gerade in Zeiten der zunehmenden Kommerzialisierung des globalen Profifußballs informiert die Kampagne über Menschen- und Arbeitsrechtsbedingungen in der Sportindustrie sowie bei der Herstellung von Konsumgütern. Sie deckt beispielsweise die Fußballproduktion in Niedriglohnländern unter menschenunwürdigen Bedingungen auf.
Projekte wie „Sport handelt fair“ haben sich zum Ziel gesetzt, globale Gerechtigkeit im Sport zu fördern. Dies tun sie durch CO2-neutrale Sportevents, die Produktion fairer Sportartikel und verschiedene Bildungsangebote. Sie bauen eine Brücke zwischen Nachhaltigkeit und sportlichem Engagement.
Beitrag von Kim Tadday
No Comments